U-Verlagerung "Zeolith" - Geheime Geilenberg-Anlage im Teutoburger Wald

Projekt Ofen 37/38 und Projekt Schwalbe 9

Gut Schluf, liebe Leser und Fotoschauer. Ich bin die sehr persönlich ausgefallende EINLEITUNG zur Untertage-Verlagerung Zeolith. Diejenigen, die sich nur für die Fakten und/oder die Fotos der Anlage interessieren, mögen bitte jetzt schnell-schnell zum nächsten Kapitel runterscrollen. Der Rest kann, darf, muss hier nun weiterlesen:

       

Erstes Kapitel: Wandern und Stollen:

Der Teuto, unendliche Wälder, wir schreiben das Jahr 1992. Zwei Wanderer, die auf die Namen Björn und Olly hören, durchstreifen wie so oft die waldreiche Region rund um Ibbenbüren. Und dann passierte es. Wir erkundeten einen Steinbruch und standen zum ersten mal vor dem großen Stollenmundloch im Bocketal. Das Stollenmundloch war vermauert und verputzt. Auch das zweite, kleinere Mundloch war vermauert und wollte uns nicht in den Berg lassen. Danach suchten wir die gesamte Gegend ab, um noch weitere Eingänge zu dem Stollensystem zu finden. Wir wurden auch fündig, nur hatten alle anderen Stollen keine Verbindung zur Anlage Zeolith, dessen Decknamen wir auch noch nicht kannten. Wir gingen von einem riesigen Stollensystem aus, denn wenn man die Eingänge so sorgfältig verschließt, müsste man wohl etwas Größeres verbergen wollen. Zumal damals auch fast alle (kleineren) Stollensysteme im Teutoburger Wald noch offen standen. In den Jahren darauf machten wir uns immer wieder Gedanken über das verschlossene Stollensystem im Bocketal. Langsam rückte das Interesse an dem Stollensystem immer mehr in den Hintergrund, bis der Fall gegen Ende 2003 neu aufgerollt wurde. Ein älterer Anwohner gab uns den entscheidenen Hinweis: Er erinnerte sich an Züge mit Tankwagen, die gegen Ende des Krieges immer wieder in dem Steinbruch verschwanden.

Ich witterte sofort eine unterirdische Rüstungsfabrik - und das in Ibbenbüren - und begann, diesmal eingehender, mit den Recherchen. Obwohl das Stadtarchiv in Ibbenbüren bis heute bestreitet, dass es eine Untertage-Verlagerung namens Zeolith jemals existiert hatte, konnte ich einige Puzzle-Stückchen sammeln und zu einem (halb-) fertigen Bild zusammensetzten. Ebenso die beiden Stollenmundlöcher wurden erneut von uns in regelmässigen Abständen aufgesucht. Doch zu ist zu und bleibt zu. Weitere Anwohner wurden von uns interviewt, Heimatbücher ausgeliehen und ausgewertet, so dass nach dem Erhalt der CIOS-Berichte einem kleinem Bericht über Zeolith nichts mehr im Wege stand. Es dauerte wiederum einige Zeit, bis wir endlich das Innere der Anlage Zeolith zu Gesicht bekamen. Doch weiter im Text: Es war im Jahre 2004, als ich meinen ersten Bericht über die U-Verlagerung Zeolith in die Tastatur meines Rechners hämmerte. Der Text war für die damals noch existente, beziehungweise noch aktive 7Grad-Seite gedacht. Nachdem wir die Pionierarbeit beendet hatten und der Bericht online ging, dauerte es auch nicht lange und andere Stollengänger interessierten sich für die Anlage Zeolith. Obwohl wir keine genauen Standortangaben machten, war schon nach kurzer Zeit das kleinere Stollenmundloch aufgebrochen. Im Prinzip scheisse, aber ein guter Nebeneffekt war, daß auch wir endlich mal einen Blick in den geheimnissvollen Berg riskieren konnten. Und das geschah so:

Nachdem unser Späher, Häuptling Grubenhorst uns Rauchzeichen gab... Äh, eigentlich wollten wir eines schönen Sonnentages mal wieder in den Steinbruch verweilen, grillen und ein paar gemütliche Pilsken kippen, als Bergmann plötzlich von einem Erkundungsrundgang zurück kam, wortlos meinen Rucksack öffnete, meinen Helm und das Geleucht entnahm und grunzend wieder in Richtung Stollenmundloch verschwand. Für einen kurzen Augenblick zauberte er mir einige Fragezeichen ins Gesicht bis ich ihm folgte und feststellen musste, dass das zweite Mundloch aufgebrochen war und Bergmanns Füße gerade im Selbigen verschwanden. Naja, das war unsere erste Begegnung mit der "riesigen" Stollenanlage. Die U-Verlagerung Zeolith stand danach noch einige Jahre lang offen, so dass erneute Befahrungen und Fototouren unserseits folgten. Mittlerweile wurde das Mundloch wieder verschlossen und zum Fledermausschutz hergerichtet. Und das ist auch gut so, denn dank meines ersten 7-Grad-Berichtes von 2004 wurde so indirekt wieder eine neues Fledermausquartier in NRW geschaffen...

 der ehemals vermauerte Eingang

 der heutige zustand ( Fledermausschutz )

Zweites Kapitel: U-Verlagerung Zeolith:

Wie man anhand des Decknamens aus der Gesteinskunde erkennen kann, handelte es sich bei der U-Verlagerung Zeolith um einen Stollenneubau. Die Untertage-Verlagerung sollte bei Fertigstellung aus einer Kombination von zwei verschiedenen Fertigungsbereichen bestehen. Die beiden Bereiche waren ein Projekt Ofen und ein Projekt Schwalbe. Beide Projekt gehörten dem Mineralöl-Sicherungsplan, dem sogenannten Geilenberg-Programm an. Hinter dem Decknamen Schwalbe verbergen sich unterirdische Produktiosstätten für Flugzeugbenzin. Dieser sollte im Dehydrierverfahren aus (Stein-) Kohlenteer und Benzin ein speziellen Flugzeugkraftstoff herstellen. Die bekannteste Schwalbe-Anlage ist sicherlich das Projekt Schwalbe 1, Deckname "Eisenkies" im Sauerland. In die Stollenanlage Zeolith sollte bei Fertigstellung das Hydrierwerk Schwalbe 9 einziehen.

 Ausbau in Zeolith

Doch fangen wir mal ganz von vorne, am Anfang der Bautätigkeit an. Alle wichtigen Grundvoraussetztungen, die für einen Stollenneubau, in dem ein Geilenberg-Projekt untergebracht, in diesem Fall eine Schwalbe-Anlage, werden sollte, berücksichtigt werden mussten, waren im Bocketal bei Ibbenbüren vorhanden. So befanden sich zum Beispiel eine Reichsbahnstrecke für den Bahnanschluss und eine Straße in unmittelbarer Nähe des Stollenprojektes. Schließlich ist eine unterirdische Rüstungsproduktionsstätte ohne Verkehrsanbindung relativ nutzlos. Eine in der Nähe befindliche Stärkefabrik mit Starkstromanschluss und Transformatorstation sollte die Energieversorgung der Baustelle und der Untertage-Verlagerung sicher stellen. Als Brauchwasserlieferant bot sich die Aa, ein kleiner Fluss in Ibbenbüren, an. Holz gab es im Teutoburger Wald in großer Menge. Das nächste Sägewerk war nicht weit und die benachbarten Steinbrüche und Ziegeleien konnten die Baustoffversorgung der Baustelle Zeolith sicherstellen. Das Wichtigste, die Bombensicherheit, war ebenfalls gegeben. Man wählte den Standort der Stollenanlage so, dass die Stollenmundlöcher von einem stillgelegten Steinbruch aus ins Gebirge führen sollten. Eine 50 Meter mächtige Sandsteinschicht als Deckgebirge schützte die unterirdische Rüstungsfabrik.

 das grosse Stollenportal von innen ...

Die Stollenmundlöcher des zukünftigen Hydrierwerks lagen in einer engen Schlucht, gut versteckt zwischen den bewaldeten Hügeln des Teutoburger Walds. Das Stollenprojekt wurde etwas erhöht, über dem Straßenniveau angelegt, so dass die anfallenden Abwässer durch ein natürliches Gefälle abgeleitet werden können. Auch für den Schutz gegen feindliche Luftaufklärer und eventuelle Angriffe gegen die Baustelle wurde gesorgt. Der Steinbruch wurde wärend der Bauzeit mittels Tarnnetze abgetarnt. Zum Schutz der Arbeiter standen eine Luftschutzstollenanlage und ein Versuchsstollen aus dem Altbergbau, die sich beide in der Nähe befanden, zur verfügung. Doch die Anlage Schwalbe 9 wurde niemals fertig gestellt. Als der Mineralölsicherungsplan am 1. August 1944 verabschiedet wurde und somit der Bau von unterirdischen Hydrierwerken eingeleitet wurde, konzentrierte sich der Geilenberg-Stab zunächst auf die Projekte Schwalbe 1 bis Schwalbe 5. Später, gegen Ende 1944 lief dann der Baubeginn der H-Werke Schwalbe7 und Schwalbe 8 an. Das Geheimprojekt Schwalbe 9, also U-Verlagerung Zeolith, wurde erst im Dezember 1944 beschlossen und genehmigt. Bauherr und Oberaufsicht der Baustelle war die Organisation Todt, Einsatzgruppe 4. Die laufende Baunummer der U-Anlage Zeolith war 5057, passend zu der Stollenneubaureihe des Rüstungministeriums. Die Gelder kamen wie immer vom Reich. Baubeginn der Untertage-Verlagerung Zeolith war am 1. Januar 1945 - also sehr spät. Zuvor wurde auf dem Gelände der Kröner-Stärke-Fabrik ein kleines Lager für die Bauaufsicht und die Zwangsarbeiter errichtet. Aus dem Stammlager Neuengamme trafen Weihnachten 1944 rund 200 Zwangsarbeiter auf der Baustelle Zeolith ein. Die Zwangsarbeiter, überwiegend Ostarbeiter aus Russland, begannen sogleich mit dem Einrichten der Infrastruktur rund um die U-Verlagerungsbaustelle.

 vorhandener Hohlraum Zeolith

Die deutschen (Vor-) Arbeiter waren schon eher im Bocketal stationiert, zumal einige auch schon in der Anlage Ofen arbeiteten. Mit dem eigentlichen Stollenvortrieb begann man erst gegen Ende des Januars. Das war auch mit der Hauptgrund, warum man mit dem Stollenbau der Untertage-Verlagerung Zeolith nicht mehr sehr weit gekommen war. Von dem geplanten Stollensystem wurden lediglich zwei der acht parallel verlaufenden Stollen begonnen. Die beiden Stollen mit einer Länge von etwa 10 Metern wurden mit einem Querstollen verbunden. Von einem dritten Parallelstollen sind nur noch die Bohrlöcher in der Felswand zu erkennen. Ein Stollenvortrieb fand also nicht mehr statt. Bis zum Kriegsende, im April wurde Ibbenbüren von den Alliierten eingenommen, wurde also nur eine Stollenstrecke von 25 Metern des geplanten Projektes Schwalbe 9 fertiggestellt. Von der geplanten Produktionsfläche von 12.000 Quadratmetern wurden gigantische 50m² fertig - und Diese sollen noch nicht einmal zur Produktion dienen. Vor dem Einmarsch der Alliierten wurde die Baustelle Zeolith (zusammen mit den Maschinenpark) eiligst verlassen. Letzte Zeugen der Untertagefabrik Zeolith sind heute noch das kleine Stollensystem, Bis vor Kurzem waren auch noch einige Metallteile und ein Bohrgestänge zu sehen. In dem Gelände des alten Sandsteinbruchs sind auch noch einige Betonfundamente zu finden, doch Diese gehörten eher zur U-Verlagerung Ofen, zu der wir jetzt im nächsten Kapitel kommen...

 Verbindungsstollen

Drittes Kapitel: U-Verlagerung Ofen 37/38:

Fast zwei Monate bevor das Projekt Schwalbe in Ibbenbüren in Angriff genommen wurde, also Anfang November 1944, begannen die ersten Arbeiten an dem Projekt Ofen 37/38. Zu allererst wurde die Strecke der Bocketalbahn angezapft und eine Weiche, dessen Anschlussgleis in eine Schlucht führte, eingebaut. Am Ende des rund 200 Meter langen Anschlussgleises wurde eine provisorische Verladeanlage errichtet. (Eine ähnliche Verladerampe ist noch an der U-Verlagerung
"Ofen3/4" erhalten geblieben) Der Bahnhof stand genau da, wo die Anlage Ofen 37/38 gut getarnt, in einer tiefen Schlucht zwischen Kalksandsteinwänden, in den nächsten Monaten errichtet werden sollte. Und so geschah es auch. Es wurden zwei große Rohöltanks aus Beton erbaut, die Betonsockel für die Tanks der Endprodukte gegossen und eine Werkstatt aufgebaut. Letztere befand sich direkt unten an der Hauptstraße, neben dem Labor für die Chemiker des Geilenberg-Stabs. Nachdem die Stahltanks per Reichsbahn geliefert und die Endmontage wie die elektrischen Leitungen und Rohrleitungen, welche noch verlegt werden mussten, abgeschlossen waren, konnte die kleine Geilenberg-Anlage nach einer Bauzeit von 6 Wochen in Betrieb gehen. Die Arbeiter kamen aus der Salzbergener Ölschiefergewinnungsanlage und von der Raffinerie in Rheine. Die aufgestellten Maschinen wie Pumpen wurden aus den Stahlwerken in Osnabrück und Rheine geliefert. Auch die U-Verlagerung Ofen 37/38 hier im Teutoburger Wald diente zur Herstellung von Dieselkraftstoff und Ottokraftstoff, also Benzin für Fahrzeuge.

 Mauerwerk im Stollensystem

In einem speziellen Destillationsverfahren wurde das Rohöl durch Erhitzung in die jeweiligen Treibstoffe umgewandelt. Bauherr und Oberaufsicht war auch bei dieser Anlage die Organisation Todt (OT), die allerdings nicht für den Produktionsablauf verantwortlich waren. Betreiber des Projekts war die Firma Nerag. Produktiosziel war es, 6.000 Tonnen Kraftstoff pro Monat herzustellen. Wie bei fast allen anderen Ofen-Anlagen auch. Davon waren 3.000 Monatstonnen für den freien Markt bestimmt. Die andere Hälfte sollte nach Fertigstellung der U-Verlagerung Dachs in Porta-Westfalica an Diese geliefert werden. Bis dahin lief die Doppelanlage Ofen 37/38 nur auf halber Kraft. was auch auf die Lieferschwierigkeiten von Rohöl zurückzuführen war. Bei einem Ausfall der Ofenanlage in Ibbenbüren, stand die Reservedestillationsanlage mit dem Decknamen Rost 6 in Gronau bereit. Die U-Verlagerung Ofen 37/38 war noch bis März 1945 in Betrieb, ehe sie eiligst aufgegeben und verlassen wurde. Wieder einmal waren die letzten großen Anstrengungen der Deutschen Rüstungsindustrie, eine gewaltige Benzinproduktiosstätte in die Berge des Teutoburger Waldes zu verlagern, vergeblich gewesen - und das ist auch gut so. Heute ist von der Anlage Ofen 37/38 auf dem ersten Blick nichts mehr vorhanden. Auch auf dem zweiten Blick nicht. Nur beim genaueren Hinsehen kann man die wenigen Reste im Waldboden erkennen. Nach dem Krieg wurde die Anlage grösstenteils abgerissen und so mancher Tank und so manches Rohr fand auf diversen Bauernhöfen in der Umgebung eine neue friedliche Nachkriegsnutzung...

 zurück am Eingang...

 Heutige verwendung als Kletterwand

© untertage-übertage, 2004/2009
Recherche, Texte und Rohfassung von Eismann
Feinschliff und Onlinestellung von Bergmann
Alle Fotos (ausser Bild 1& 2) von Bergmann

(mehr über Ofenanlagen hier und hier /// Allgemeine Infos unter Ofen1)