Von der Ursuppe zum Hochbunker

Beginnen wir mit unserer Geschichte vor etwa 750 Millionen Jahren, im Algonikum:

Das Leben auf der Erde spielte sich nur im Meer ab. Es war die Zeit in der das organische Leben begann. Neben ersten Pflanzen (Algen) gab es nur schalenlose und wirbellose Weichtiere. Auch in den nächsten 400 Millionen Jahren tat sich nicht viel. Es entwickelten sich die ersten Wirbeltiere. Brachiopoden, Trilobiten, Graptolithen und Korallen dominierten das Leben auf unserem Planeten. Erst vor 350 Millionen Jahren, im Devon, trauten sich einige wagemutige Lebewesen aus dem Wasser heraus, um mal zu schauen, wie das Leben an Land wohl wäre. Während sich die Flora rasend schnell entwickelte, brauchte die Tierwelt schon ein bisschen länger, um ein aufrecht stehendes Lebewesen hervorzubringen. Nachdem es schon einige Jahre Fische, Flugsaurier und den Urvogel gab, trat in der Kreidezeit, vor etwa 100 Millionen Jahren eine Spezies in Erscheinung, die bis heute beliebt und bekannt ist. Die Dinosaurier. Doch diese hatten auch kein leichtes Spiel auf der Erde. Irgendwann wurde es ein bisschen zu kalt für die großen Tiere und sie verschwanden bis auf einige wenige Arten wieder von der Bildfläche. Sie wären auch schnell in Vergessenheit geraten, wenn nicht Leute wie Steven Spielberg und Konsorten den Mythos der Dinos am Leben erhalten würden. Doch weiter im Text. Richtig interessant auf unserem blauen Ball wurde es vor etwa 50 Millionen Jahren, in der Erdneuzeit. Es entwickelten sich viele Tiere, wie wir sie heute noch kennen. Elefanten, Nilpferde, Antilopen, Insekten, Vögel, Nagetiere und Beuteltiere, um mal einige zu nennen. Auch die ersten Primaten waren schon zugegen. In den letzten Millionen Jahren, dem Quartär, fand dann die entgültige Entwicklung zur heutigen Tier- und Pflanzenwelt statt. Auch der Urmensch entwickelte sich prächtig und überstand noch zwei kleinere Eiszeiten.

Der bekannteste Urmensch ist mit sicherheit der Neandertaler, oder? Wer kennt ihn nicht, den primitiven Homo Sapiens Neanderthalis mit der flachen Stirn, dessen Skelettreste im Jahre 1856 in einer Kalkhöhle zwischen Düsseldorf und Wuppertal gefunden wurden. Auch heute sind die Anlagen zum Neandertaler noch in einigen Menschen vorhanden, wie man unschwer beim Fußballspiel oder auf dem Rosenmontagszug erkennen kann... Ebenfalls im Rahmen der Erdgeschichte, speziell in der Entwicklung der Menschheit wurde am 15.09.1885 in Köln am Rhein eine Person geboren, um die es sekundär in diesem Bericht handelt. Diese Person war Männlich und hatte den Namen Leo Winkel. (Primär handelt dieser Bericht eher von den Hinterlassenschaften des Herren Winkel und ein paar Bunkersportlern noch, aber egal...) Nachdem Leo Winkel sein Architekturstudium beendet hatte kam er 1916 zur Bauabteilung der Firma Thyssen in Duisburg. Anfang der 30er Jahre beschäftigte sich Leo Winkel mit der Entwicklung von oberirdischen Luftschutzbauwerken und entwarf einen Luftschutzturm aus Stahlbeton. Es handelte sich dabei um einen zylindrischen Baukörper mit bombenabweisenden Kegeldach. Der Luftschutzturm hatte neun Etagen, war 20 Meter hoch und bot Schutz für 200 Personen. Am 18 September 1934 wurde das Patent des Bunkers von Leo Winkel im Reichspatentamt registriert. Die Patentnummer lautete 658344. Zum Vertrieb des Winkelturm-Patents wurde die Firma "L.Winkel&Co" in Duisburg eröffnet. In den Folgejahren entwarf der Bunkerarchitekt Leo Winkel noch eine ganze Reihe von Luftschutztürmen, welche auch alle patentiert wurden.

Der größte Luftschutzturm der Bauart Winkel hatte sieben Etagen und bot 500 Personen Schutz. Einer davon ist noch in Wuppertal erhalten geblieben. Alle Bunkerbauwerke aus dem Hause Winkel waren Rundbunker oder Luftschutztürme. Sie ähnelten sich sehr und wurden immer wieder verbessert. Es gab auch Winkeltürme mit einem Beobachtungsstand in der obersten Etage. Sie wurden von Städten zum Zivilschutz bestellt, große Firmen wollten sie aus Platzmangel für den Werkschutz und auch die Reichsbahn und die Wehrmacht bestellte die Winkeltürme gerne, da sie schnell und kostengünstig erbaut werden konnten. Außerdem brauchten sie nicht viel Baugrund und passen praktisch überall hin.Insgesamt wurden etwa 200 - 250 Winkeltürme gebaut. Man schätzt so, das ein Drittel der LS-Türme noch vorhanden ist, aber das weiß keiner so genau. Bunkerarchitekt Leo Winkel starb im Alter von 95 Jahren im März 1981 in Duisburg. Um das betonierte Erbe von Leo Winkel zu besuchen machte sich eine Gruppe unerschrockener Bunkersportler im Sommer 2007 auf den Weg nach Winkelstedt. Winkelstedt ist eine kleine Universitätsstadt irgendwo in Mitteldeutschland mit rund 80.000 Einwohnern, welche mir bis dato nur durch die Ortsansässige Band "Boxhamsters" ein Begriff war. Wie in dem Film "Italien Job" von F. Gary Gray rasten wir schwer beladen mit fünf Personen in einem Mini-Cooper (auf jeden Fall ein sehr lüttes Auto) in Richtung Winkelstedt. Wir sprangen über Flüsse, erklimmten Berge und rasten mit 300 km/h (gefühlt) durch die Kanalisation, bis wir endlich in der Winkelgasse (ohne Zauberer und soon Zeugs) in Winkelstedt ankamen.

So ein Winkelturm ist halt was Besonderes, den gibts nicht mehr so oft - und schon garnicht offen! Da ist eine Anreise von rund 250 Kilometern schon angebracht, oder? Wie er spitz gen Himmel die Nase richtet, bedrohlich die Raketenform aber auch beschützend. Oder ist es die an ein Phallus erinnernde Form, die mich vor Ehrfurcht niederknien lässt, als ich aus dem Auto steige und den Winkelturm erblicke. In Gedanken bin ich bei Kumpel Siggi Freud und... äh, ich schweife etwas ab. Okay, zurück zum Beton: Alle Winkeltürme in Winkelstedt sind baugleich. Es handelt sich hierbei um den Typ 1, der meistgebauten Winkelturmart während des Zweiten Weltkriegs. Aufgemerkt, liebe Westwallhonsel, es handelt sich also um eine Art Regelbau. Dieser achtetagige, aus Stahlbeton errichtete Luftschutzturm bot 400 Personen Schutz. Er hat eine Höhe von 23 Metern und der untere Durchmesser beträgt 10 Meter. Die bombenabweisende Stahlmantelspitze hat eine Höhe von 3,40 Metern. In den ersten 7 Stockwerken befinden sich die runden Schutzräume, welche mit Holzbänken ausgestattet waren.

Der LS-Turm hat zwei Eingänge im ersten Stock. Diese sind jeweils mit einer Gasschleuse ausgestattet. Zwischen den einzelnen Etagen verbindet eine Holztreppe die Schutzräume. In den durchnummerierten Etagen sind die Inschriften mit der jeweiligen Belegungszahl auf einer Phosphorfarbe an der Bunkerwand angebracht. Sie befinden sich noch in einem guten Zustand. Die Lüftungseinheit vom Typ 16 befindet sich im obersten Stockwerk. Sie stammt von der Firma Dräger aus Lübeck und wurde im Jahr 1339 gebaut. Der Schutzraumlüfter lieferte im Kurbelbetrieb 7,5 bis 10 cbm Frischluft in der Minute und war zugelassen für Luftschutzanlagen mit 300-400 Personen Kapazität. Das Luftverteilungsrohr befindet sich im Treppenhaus in der Mitte des Turmes und führte über einstellbare Zuluftöffnungen in den einzelnen Räumen die mittels Filter gereingte Luft zu. Die verbrauchte Abluft wurde über Abluftöffnungen mit Ruckschlagventilen nach außen abgeleitet. Die Luftfilter befinden sich ebenfalls im obersten Stockwerk. Auch dieser Rundbunker fuhr also bei Betrieb mit Überdruck, so daß keine Kampfstoffe in ihn eindringen konnten. Insgesamt sind die Winkeltürme in Winkelstedt sehr gut erhalten geblieben, die Lüfter sind vorhanden, die Ringbänke sind ebenfalls vorhanden und der hier von innen Vorgestellte ist sogar bewohnt...

So, Hoschis, das war's mit der "on Tour-Version" zum Thema Winkeltürme. Ein ausführlicher Bericht erscheint  irgendwann auf unserer Seite. Ich hoffe es war einigermaßen interessant und kurzweilig und verbleibe...

© Pasta Olivo Fermata, 2008

Fotos von Bergmann, Eismann, Micha und Schlufine...