U-Verlagerung „Selenit“ – Das Geilenberg-Projekt „Schwalbe 4“

Aus dem sogenannten „Erlass der Führers über die Bereitstellung eines Generalkommissars für die Sofortmaßnahmen beim Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion“ vom 30.Mai 1944 ging Edmund Geilenberg als neuer Generalkommissar zur Wiederherstellung der deutschen Treibstoffindustrie hervor. Daraufhin gründete und erarbeitete Edmund Geilenberg den Mineralölsicherungsplan (MÖSP). Ziel des MÖSP war die Dezentralisierung und unterirdische Verlagerung der Treibstoffindustrie.

In einem Kalksteinbruch bei Finnentrop sollte das unterirdische Hydrierwerk „Schwalbe 4“ errichtet werden. Deckname der Stollenbaustelle war „Selenit“, passend zum Neubau einer Stollenanlage. „Schwalbe 4“ war der Tarnname für das vierte Projekt Schwalbe, also der Name für den chemisch-technologischen Prozess einer unterirdischen Hochdruckhydrieranlage. Ein weiterer Projektname war das Kürzel „C1d“. Insgesamt sollten 10 untertägige Schwalbe-Anlagen erbaut werden. Wichtige Kriterien zur Standortwahl für den Stollenneubau einer untertägigen Verlagerung vom Typ „Produktionsanlage Schwalbe“ waren:

1) Steinbrüche mit hohen Steilkanten
2) Festes Gestein, welches aber einen schnellen Stollenvortrieb ermöglicht
(Gips,- Kalk, – oder Sandstein)
3) Bombensichere Überdeckung von mindestens 50 Metern
4) Hohlräume von 15 m Länge, 12 m Breite und 40 m Höhe können standfest ausgesprengt werden
5) Günstige Verkehrslage, Bahnstrecke in der Nähe
6) Große Wassermengen verfügbar
7) Energieanschluss
8) Nicht zu dicht besiedeltes Gebiet mit natürlicher (Wald-) Tarnung
9) Platz für Baracken, Lager und Verkehrspark

Alle diese Punkte waren an dem Standort von „Selenit / Schwalbe IV“ gegeben. Geplant war es eine unterirdische Produktionsfläche von 25.000 m² in den Kalkstein zu erstellen. Selbst bei Ausbau der 40 Meter hohen Hochdruckhydrierkammern hätten diese noch eine bombensichere Überdeckung von 50 – 80 Metern fest gewachsenen Kalkstein. Da diese Kalkschichten im oberen Teil von einer Mergelschicht überlagert wurden, war nicht mit Wassereinbrüchen beim Vortrieb zu rechnen. Ein eingleisiger Reichsbahnanschluss war vorhanden, wobei auch die Gleisanlagen der Kalkwerke mitgenutzt wurden. Bei Fertigstellung der U-Verlagerung Schwalbe 4 sollte das Stollensystem aus 16 Parallelstollen bestehen, welche alle mit zwei Querstollen miteinander verbunden werden sollten. Die Hauptzufahrt in das untertägige Hydrierwerk sollte der Stollen 8 sein. Dieser diente auch zu zusammen mit Stollen 1 und Stollen 16 zur zentralen Wetterhaltung der Untertageverlagerung. An den Enden von Stollen 1 und 16 sollten auch zwei tonnlägige Luftschächte nach über Tage aufgefahren werden. Die Wetterschächte sollten linker und rechter Hand am Berghang austreten und mit bombensicheren Stahlbetonpilzen überbaut werden. Die Mundlöcher im Tagebau sollten mittels Stahlschiebetoren gegen Luftangriffe gesichert werden. Betreiber der U-Verlagerung „Schwalbe 4“ sollte die Firma Gelsenberg-Benzin AG aus Gelsenkirchen werden. Sie sollte im Schutz des Kalkberges mit der Hochdruckhydrieranlage spezielles Flugzeugbenzin für Düsenjäger und Autokraftstoffe herstellen. Die Planungen der Anlage „Schwalbe 4“ lagen bei der Mineralölbau-Gesellschaft unter Leitung von Edmund Geilenberg. Die Oberbauleitung war fest in der Hand der Organisation Todt, welche vorrangig mit dem Beschaffen des Materials und der Arbeitskräfte, aber auch mit der logistischen Planung der Baustelle vertraut war.

Ebenso die Organisation und Verpflichtung örtlicher Firmen lag bei der OT. Baubeginn war im Oktober 1944. Zunächst wurden alle benötigten Übertage-Anlagen errichtet. Dazu zählten das Verlegen von Gleisen im gesamten Baustellenbereich, Baracken für die Bauleitung, Büros und zur Materiallagerung wurden eiligst errichtet. Fundamente für Kompressoren und Maschinen zur Wasserhaltung wurden gegossen und installiert. Direkt an der Bigge wurde eine Wasserentnahmestelle für Brauch und Kühlwasser mit Pumpstation errichtet. Für die Betriebswasserabführung sollte eine eigene Werkskläranlage oberhalb des Biggeverlaufs errichtet werden. Der Baubeginn „untertage“ war im November 1944. Beauftragt mit dem Stollenneubau der U-Verlagerung „Selenit“ wurden die Firmen Gelsenkirchener Bergwerks AG und Hochtief Essen, welche unter der Leitung von Direktor Simmat, ebenfalls aus Essen stammend, standen. Vor-projektierter Anfahrtstermin zur synthetischen Treibstoffherstellung in der Untertage-Verlagerung Schwalbe 4 war der 01.05.1946. Damit lag der MÖSP innerhalb des Machbaren seiner realistischen Möglichkeiten und hatte keine utopischen, unmöglich einzuhaltenden, Termine veranschlagt, wie es zum Beispiel bei anderen Untertage-Baustellen der Fall war. Wie bei der U-Verlagerung „Eisenkies // Schwalbe 1“ sollte die Hydrierung von Steinkohlenteer in zwei Stufen mit jeweils 7,500 Tonnen Produkteinsatz zeitlich um drei Monate versetzt beginnen. Die Vollproduktion von 15.000 Tonnen sollte also im Mai 1946 anlaufen. Das Stollensystem Selenit wurde bis Kriegsende etwa zu 40% fertiggestellt. Teilweise nur im Teilausbruch, was bedeutet, dass die Stollen noch nicht so groß waren, wie sie hätten werden sollen.

Eine Befahrung:

Selenit Stollen 10

Heute ist der verlassene Kalksteinbruch im Biggetal völlig zugewachsen. Zudem wurde der Tagebau bis auf eine Höhe von 20 Metern mit Geröll und Abraum verfüllt, so dass auf den ersten Blick nichts mehr von den Schwalbe-Stollen zu finden ist. Wenn man die gut abgetarnte Stelle im Steinbruch kennt, gelangt man durch einen fast 14 Meter langen tonnlägigen Schacht, den irgendwelche Forscher in mühseliger Arbeit durch die verdichtete Halde geteuft haben, in das Innere der U-Verlagerung Schwalbe 4. Genauer gesagt kommt man in den Stollen 10 von wo aus ein Teil der Stollenanlage befahren und erkunden kann. Stollen 10 hat eine Breite von 5 und eine Höhe von 4 Meter und endet nach etwa 60 Metern Strecke. Vor Ort geht es nach links und rechts weiter. Der Stollen in Richtung Stollen 9, also nach links endet nach wenigen Metern blind. In der Ortsbrust stecken noch einige Besätze und Bohrgestänge in den Bohrlöchern. Anhand der halbrunden Anordnung der Bohrlöcher in einem Abstand von 50 Zentimetern, kann man hier sehr gut Erkennen, dass auch hier das damals gebräuchliche Kranzschießen zum Einsatz kam.

 Bohrlöcher in der Ortsbrust

 Lampenhalterung unter der Firste

Folgt man dem Stollen nach rechts, erreicht man nach etwa 20 Metern den Stollen 11. Hier geht es in vier Richtungen weiter, Rückweg mit eingerechnet. Nach rechts, also zurück in Richtung Steilwand kann man etwa 50 Meter laufen, um dann von Innen das zugeschobene Stollenmundloch zu sehen. Geht man in die entgegengesetzte Richtung endet der Stollen nach gut 100 Metern, wobei er kurz vor seinem Ende im rechten Winkel nach Rechts abknickt. Auch der Stollen 11 ist im Rohbau stehengelassen worden. Von der eben beschriebenen Kreuzung aus gelangt man nach wiederum 20 Metern in den Stollen 12 der U-Verlagerung Selenit. Dieses ist auch der Längste der parallel verlaufenden Stollen. Mit einer (geschätzten) Länge von fast 300 Metern endet auch Stollen 12 blind im Gebirge. Das Stollenmundloch ist auch hier auf gut 15-20 Metern verfüllt und zugeschoben. Alle Stollen sind trocken und das Schöne ist, dass hier wirklich gar nichts an (Neuzeit-) Müll herumliegt (Bis auf einen Eimer und einem Stück alter Zeitung).

 Stollen 11 mit verfülltem Eingang

 Stollen 12 mit Gestängeabdrücken

Insgesamt gesehen steht der neu aufgewältigte Schacht, komplett im Holzausbau mit Stahlplatten- und Stempeln versehen, in keinem Verhältnis zum Stollensystem, welches sich dann befahren lässt. Ich habe keine Ahnung wie lange die Hobbyforscher ;-) an dem Eingang malocht haben um dann zu bemerken, dass die Befahrung der U-Verlagerung Schwalbe 4 etwa eine halbe Stunde dauert, wenn man sich Zeit lässt. Wie die anderen Stollen der Anlage Selenit aussehen kann ich hier natürlich nicht sagen, da sie nicht mehr zu befahren sind. Vielleicht sollten sich die Hobbyforscher ;-) mal zwei Wochen Urlaub nehmen und einen weiteren Befahrerzugang schaffen um dann mit Schrecken festzustellen, dass dieser neu entdeckte Stollen nach 40 Metern blind endet...

 Stollen 12 mit Ortsbrust

 zugeschobenes Stollenmundloch von innen

Befahrung: Team „untertage-übertage“
Fotos: Bergmann
Text: Eismann

Nachtrag:
Einen Riss der geplanten U-Verlagerung Schwalbe 4 werden wir hier nicht veröffentlichen, da sonst die Gefahr bestände, anhand der Karte den Befahrer-Schacht vor Stollen 10 zu entdecken.

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