U-Verlagerung Richard – Projekt B5

Einleitung:

Liebe Kollegen,
wieder einmal findet ein Bericht von unserer Aussendienststelle „Sachsen“ den Weg auf unsere kleine Untertage-Homepage. Verantwortlich für den folgenden Beitrag ist erneut unser Axel, den ihr sicherlich schon als Verfasser des Textes „Tagebuch Teil 1“, hier auf der Internet-Seite unter „mehr...“ zu finden, kennengelernt habt. Axel, Jens und das Expeditionsteam „Codename Richard“ haben weder Kosten noch Mühen gescheut um ein neues altes Objekt aus dem Zweiten Weltkrieg zu suchen, erkunden, befahren und erfahren. Herausgekommen ist ein wirklich guter Exkursionsbericht, gepaart mit aussagekräftigen Fotos, wie ihr sicherlich gleich selber feststellen könnt. Deshalb werden in nächster Zeit noch weitere U-Verlagerungen, Bergwerke, Eiskeller und andere interessante Objekte von Bunkersachse-Reisen hier auf untertage-übertage.de vorgestellt...

Unter der Baunummer 51 wurde ein riesiger unterirdischer Kalksteinbruch zur Untertageverlagerung umgebaut und in drei Bereiche aufgeteilt. Da diese U-Verlagerung das einzige B-Projekt war, dass nicht in einen Stollenneubau untergebracht werden sollte, bekam die unterirdische Anlage B5 einen besonderen Decknamen, welcher nicht in das übliche Bezeichnungschema passte. Der Deckname der Untertageanlage lautete Richard, beziehungsweise Richard 1-3. Da es sich bei dieser Geheimanlage um ein gigantisches Kalkbergwerk mit 30 Kilometern Stollenstrecke handelt, werden hier keinerlei Aussenaufnahmen und/oder Eingänge gezeigt. Zu groß ist die Gefahr, dass sich ungeübte Befahrer in dem Stollensystem verlaufen oder verletzt werden. Elektronische Post zum Thema U-Verlagerung „Richard“ bitte NUR an Bunkersachse Axel senden. Die E-Mail-Adresse steht unter dem Bericht. Hier geht es nun weiter mit dem Bericht über die:


U-Verlagerung B5 – Abschnitte B5a, B5b und B5c: (Richard 1-3)

Eismann, März 2011

 Montagestollen in Prrojekt B5

Die gigantische U–Verlagerung RICHARD:

Allgemeines zum Gesamtkomplex:

Richard I

Richard I war ein für die Elsabe AG L, eine Deckfirma der Auto Union Chemnitz, vorgesehenes U-Verlagerungsobjekt. Die hier eingesetzten Arbeiter und Gefangenen mussten Maybach - HL - 230 Panzermotoren montieren. Das vorgesehene unterirdische Gesamtobjekt mit einer Fläche von 60.000m² war bis Ende März 1945 zu einem Viertel ausgebaut und verfügte über zwei Stolleneingänge und einen Wetterschacht. Von der Elsabe AG waren Ende Oktober 1944 2.000 m² bezogen und hochwertige Maschinen zur Panzermotorenherstellung aufgestellt worden. Richard I verfügte unter anderem auch über einen Gleisanschluss. Reste davon sind im Innern der Stollen noch zu sehen.

Richard II

Das vorgesehene unterirdische Gesamtobjekt mit einer Fläche von 15.000 m² war bis Ende März 1945 noch im Ausbau begriffen, allerdings mehrere Räumlichkeiten und Hallen bereits fertig gestellt. Die Abteufarbeiten für den Wetterschacht war noch nicht abgeschlossen, der Verbindungsquerschlag zu Richard I und ein Stollenzugang jedoch bereits fertig gestellt. Das Objekt war von Osram noch nicht bezogen. Mit dem Bau von Richard II war die Fa. Robert Kieserling beauftragt. Der Ausbau sollte bis Ende 1944 fertig sein.

Richard III

Heutige Nutzung:
Im heutigen Tschechien werden Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung einerseits und Betriebsabfälle aus Kernkraftwerken andererseits gelagert. Richard III dient heute zur Endlagerung von Abfällen. Auf einer tschechischen Internetseite konnte man Fotos sehen mit schwarzen Fässern und dem Zeichen für Radioaktives Material (Abfälle). Diese trugen unter anderem Aufschriften wie „KFPu9.98“ oder beispielsweise „0012/U 3/ 2001“. Letzteres dürfe wohl das jeweilige Einlagerungsjahr sein. Das heutige Objekt ist hermetisch abgeriegelt, Videoüberwacht und durch ständig patrouillierendes Sicherheitspersonal mit scharfen Hunden gesichert.


 Wetterhaltung in Richard

Zur Tour:

Aus östlicher Richtung kommend erkennt man schon von weitem einen recht imposanten Höhenzug. Das die Landschaft prägende Bergmassiv wurde schon frühzeitig zum Abbau von Kalkstein genutzt. Unter diesem Bergkamm wurden die gigantischen Anlagen „Richard I“ bis „RICHARD III“ getrieben. Die alten Minengänge und Stollen wurden in der Anfangsplanung mit einbezogen. Die ehemalige „L. Aktiengesellschaft für Kalk und Ziegelbrennerei“, spätere „Elsabe A.G. L. / Sudentengau“ fertigte während des ursprünglichen Produktionsbetriebes unter anderem Stein- Dach- und Mauerziegel, sowie Drainröhren.

Als die Alliierten Truppen ihre Großoffensive im Westen Europas begonnen hatten und der Vormarsch auf das dritte Reich und Berlin trotz zähem Kampf der deutschen Landser nicht aufzuhalten war, wurden geheime Rüstungsstätten unter anderem auch nach Polen und die Tschechei ausgelagert. In teilweise gigantischen Stollensystemen und Höhlenlabyrinthen gingen komplette kriegswichtige Rüstungsbetriebe unter die Erde, um dort schnellst möglich ihre Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Anlage „RICHARD“ war mit ziemlicher Sicherheit eines der Nervenzentren der unterirdischen deutschen Kriegsmaschinerie. Es war eine umfangreiche unterirdische Waffenschmiede und die alten Steinbrüche und ehemaligen Minen waren ein idealer Ort für die geheime extensive Waffenproduktion.

 Gesprengte Stollenstrecke

 Schutt

Es bestand eine Verbindungsstraße vom nahe gelegenen Ort bis zum Haupteingangsbereich. Der Kontrollpunkt mit Betonresten einer Panzermauer und den Spuren des Wach- und Sicherungsbunkers kann man im unmittelbaren Geländeabschnitt noch finden. Die Produktion war ein komplexer Arbeitsprozess und die Anlieferung, beziehungsweise der Abtransport der gefertigten Rüstungsgüter erfolgte durch die Bahn oder LKWs. Vor dem Abtransport wurden die Waffen noch in speziellen Räumen der unterirdischen Anlage getestet und einer Endkontrolle unterzogen.

Befährt man die Anlage durch den Hauptstollen geht es durch bis zu 45 cm tiefes Wasser. Der alte Mineneingang ist dagegen fast trocken. Durch eine Stahlgittertür gelangt man vorbei an wunderbar ausgemauerten Gewölbegängen im weiteren Verlauf auch auf den Hauptstollen. Im gesamten Minenbereich, Altbergbau sind immer wieder herrlich ausgemauerte Gewölbebereiche und Hohlgänge mit gelblich - rot schimmernden Ziegelsteinen zu sehen. In die gemauerten Gewölbewände sind vereinzelt kleinere Nischen eingelassen. Möglicherweise stellten hier einst die Bergmänner Heiligenstatuen der St. Barbara, Schutzheilige der Bergleute, aus.


 Gleiskörper unter Tage

Im Stollenbereich zeichnen sich teilweise recht starke Verbrüche ab. Das gesamte Tunnelnetz soll sich über ca. 30 km Länge erstreckt haben. Die unterirdische Anlage bestand einst aus mehreren Zimmern, Kammern, Hallen mit Taktstraßen, sowie Korridore. Die Produktionsbereiche, Hallen, und dazu gehörige Räumlichkeiten haben bis auf teils unterschiedliche Größen die gleichen baulichen und räumlichen Anordnungen. Das ganze Produktionsstreckensystem ist mit Stahlbetonträgern in Abständen von 1 bis max. 3 m wie ein riesiger Bogengang massivst betoniert. Die Streckenkreuze aus Beton und Stahl sind ein überwältigender Anblick. Jeder Raum und alle Produktionshallen sind an den Stahlbetonsäulen mit einer Nummer versehen. In den Arbeitshallen müssen sich den Ausmaßen zur Folge große Maschinen und Montagehilfen, Laufkräne, Taktstrecken, Räume für Meister oder Ingenuiere, Labors, Sanitäre Anlagen und Kantinen befunden haben. Fast sämtliche Nebenbereiche sind gemauert. Die Hallen selbst sind stark ausbetoniert und mit mehreren Betonstützpfeilern verstärkt. Mittig bieten sie genügend Platz um größere Maschinen oder sogar Panzer zu platzieren. In diesen Hallen sind vereinzelt Einbruchstellen bei einigen Pfeilern von bis zu 35 cm durch die Last des Berges in den Betonfußboden erkennbar. Noch sind die Pfeiler und Stahlbetonträger größtenteils intakt und stützen sich gegen die erbarmungslose Kraft des Gebirges, aber auch dieser Wiederstand wird gebrochen werden und der Berg in sich zusammensacken. Umfangreiche Stahlarmierungen zeugen unter den geborstenen Betonsegmenten vom Kampf menschlicher Aktivitäten gegen das jahrtausende alte Gebirge...

 Elektroinstallation unter der Firste

 Stollen mit Kabelhalterungen

Hin und wieder findet man versteinerte Säcke, die auf feucht gewordenen Zement schließen lassen. Allerdings bin ich der Meinung, da diese Säcke relativ leicht sind, dass es sich durchaus um Kalk gehandelt haben könnte. An einem anderem Ort stehen noch zwei fast verrottete Holzbottiche, in denen sicherlich Löschkalk aufbewahrt war. Die Reste und der leicht chemische Geruch lassen dies vermuten. Und nicht nur diese Bottiche verwittern, auch einige massive Holzstempel sind nur noch „Zellulose“, oder kurz vorm Übergang in diese. In einer anderen nicht völlig ausgebauten Strecke liegen noch Kieshäufen zur Betonbeimischung. Es wurde also auch im Werk selbst Beton gemischt. Vom Platz her stellte dies allerdings auch kein Problem dar. Ein Teil der Maschinenräume, Trafostation und technische Bauten stehen fast komplett unter Wasser. In einigen Zwischengängen sind noch Sockelfundamente für Kessel oder Aggregate sichtbar. Auch an verschiedenen gemauerten Wänden sind vereinzelt Auflieger für Druckkessel installiert. Im Hauptstreckenkreuz liegen die Reste des Gleiskreuzes, von hier gingen die Transportwagen der Kleinbahn in die verschiedenen Produktionshallen.

 Untertage-Büros, leicht nass

In einigen größeren Bereichen sind an den blanken Fels Ziegelsockel gemauert, teilweise kurvenförmig, mit dem Gestein mitgehend und angepasst. Bei der Wetterschleuse sind noch zwei Lüftungsanschlüsse mit 1 Meter Durchmesser und schönen großen Filterklappen vorhanden (zwei mit je 15 Lüftungskammern). Diese muten auf dem ersten Blick wie Materialkästen an. Das ganze ist auch stark verbrochen und mit entsprechendem Respekt zu begegnen. Sehr schöne Stahlhalterungen mit mehreren Isolatoren an den Wänden zeugen von dem wahrscheinlich nicht geringen Stromverbrauch des unterirdischen Betriebes. Elektrische Leitungen, Kabel und andere Installationen für den Stromkreislauf sind meist in den gemauerten Bereichen noch im original vorhanden. Auch einige Originalhalterungen für die ehemalige Deckenbeleuchtung kann man hin und wieder entdecken. Durch ein sich im vorderen Bereich befindliches Lüftungsrohr sieht man in etwa 40 bis 50 m Höhe das Tageslicht... 

  Minengänge / Altbergbau

Durch den „Ruhezustand“ der Mine (sie wird nicht instand gehalten) wird der Fels brüchig, dadurch dringt Wasser ein und löst somit das Kalkgestein langsam aber stetig auf. Das Gewicht der gesamten Bergmasse drückt nach und nach die Anlage zusammen. Dazu kommt noch, dass auch der Boden von unten her drückt. An den betonierten Fußböden in einigen Bereichen war deutlich zu sehen, wie die gewaltige Kraft den betonierten Boden aufbricht und kontinuierlich nach oben drückt. In den entstandenen Rissen fließt dort ungehindert das Wasser und verrichtet sein erbarmungsloses Werk. Irgendwann wird man von außen nur noch eine große Senke sehen, und im weiteren Verlauf der Zeit wird sich alles dem gegebenen Gelände anpassen.

Einer geheimen Baustellenmeldung „G“ vom 31.03.1945 ist zu entnehmen, dass „RICHARD“ der Rüstungsinspektion 25 Reichenberg und der OT- Einsatzgruppe 7, Prag unterstand. Die Bauleitung insgesamt wurde durch den SS - Führungsstab B 5 verwaltet. 

Nebenräume für Beschäftigte

Aus einem Baubericht des „Baugeschäft Dipl. Ing. Fritz Baltrusch“ Königsberg (Pr.) vom 22. Oktober 1941 geht hervor, dass die jeweilige Bezeichnung des Arbeitsortes z.B. Baustelle: L. Nr: RICHARD 1 lautete.

 Betonausbau in der U-Verlagerung Richard

 Montagehilfe in einer Produktionskammer

Außerhalb der unterirdischen Waffenschmiede am Berghang steht gut getarnt der enorme Kompressorenbunker. Er steht zweietagig über der Erde und im ebenerdigen Bereich standen die erforderlichen Aggregate. Von ihm führte das sichtbare Druckluftrohr über einen Licht- oder Wetterschacht des Altbergbaus in die unterirdische Geheimanlage. Über eine Steigeisenleiter gelangte man vom ebenerdigen Bereich des Bunkers nach außen. Der Hauptzugang war wie eine Schleuse angelegt. Allerdings gab es auch einen größeren Zugang für die Bestückung des Bunkers mit den technischen Anlagen.. Es ist anzunehmen, dass der Kompressorbunker noch angeschüttet werden sollte, zwar gut dem Gelände angepasst, liegt er doch noch „nackt“ und roh da. Der Bunker ist im Inneren völlig vollgeschmiert. Im Umfeld sind noch eine Reihe von Mauerresten mit Originalziegel zu finden. Aufschrift „LAG“ und entsprechendem Firmenzeichen.

 Streckenkreuz

1945 mit Anrücken der Roten Armee wurde „RICHARD“ ausgelagert und verlassen. Es halten sich aber nach wie vor Gerüchte, dass die SS - Truppen hier noch ... (??) „Liegt hier vielleicht noch heute eines der letzten Geheimnisse eines Hans Kammler, SS- Obergruppenführer und General der Waffen – SS, sowie seiner Organisation im Verborgenen?“

Eine schönes Abenteuer, gepaart mit Respekt vor dem Stollenlabyrinth. Nur mit vernünftigen Leuten und auf jeden Fall nicht ohne Plan ist derartiges durchführbar. Den Teilnehmern nochmals Dank für die eingehaltene Disziplin.

 Montagehalle mit Betonausbau

Quellen: -Dank an F. aus der Lausitz
-Dokumentation „Unter den Metropolen“
-Privat- Archiv sowie bei den Erkundungen gefilmte Eindrücke und Aussagen
-Internet

© Axel Fauska für untertage-übertage.de
Bericht aus dem Tagebuch Teil 2, 2010 – 2011 // Erhältlich bei Bunkersachse: (AxelFauska1@web.de)
Fotos von Jens, Axel und Team
Bearbeitung und Onlinestellung von Eismann & Bergmann

Das Team „untertage-übertage“ bedankt sich bei Axel, Jens, Loreen und dem gesamten Expeditionsteam.

(dieser Bericht ist auch auf sächsisch erhältlich...)

Grüße und Glückauf...


 Glück auf!