Werksluftschutz am alten „Bahnbetriebswerk Rheine“

Glück auf liebe Eisenbahnfreunde, Botaniker, Fotografen und Luftschutz-Historiker!

Die Geschichte des Bahnbetriebswerks Rheine begann am 23. Juni 1856 mit dem Anschluss ans Eisenbahnnetz. Schon bald darauf entwickelte sich in Rheine ein zentraler Knotenbahnhof der Gleisstrecken Münster-Rheine-Lingen, sowie Rheine-Osnabrück. In den Jahren zwischen 1911 und 1919 wurde das Betriebswerks Rheine-R (Rangierbahnhof) in süd-östlicher Richtung neu errichtet und vom Personenbahnhof ausgegliedert. Es entstand unter anderem der 18-ständige Ringlokschuppen und weitere Nebengebäude. Im Bombenhagel des zweiten Weltkriegs wurde der Personenbahnhof Rheine fast vollständig zerstört, wohin gegen der Rangierbahnhof nur Schäden an der Pumpenstation und einige weitere leichtere Kriegsschäden erlitten hatte. Nach Kriegsende mussten die Trümmer von ca. 1000 Güterwagen, 100 Personenwagen und 50 Lokomotiven aus den Rheiner Bahnanlagen geborgen werden. 1956 konnte nach Beseitigung aller Schäden und Ausbesserungsarbeiten der Normalbetrieb wieder aufgenommen werden. Das Betriebswerk Rheine galt bei Eisenbahnfreunden lange als das Mekka der Dampfloks, waren hier doch die letzten Dampflokomotiven der Bundesrepublik Deutschland im Einsatz, bevor sie am 10 und 11. September 1977 feierlich ausgemustert wurden. So, das war nun ein sehr grober und abgespeckter Geschichtsabriss. Wer mehr über die Historie des Bw-Rheine erfahren möchte, folge den weiterführenden Links unter unserem Text… 

      
Links die Wagenwerkstatt und rechts der Ringlokschuppen des Bahnbetriebswerks Rheine…

Der Schutzbunker am Ringlokschuppen in Rheine…

Während des zweiten Weltkrieges erbaute die Reichsbahn zahlreiche Luftschutzbunker zum Schutz ihrer Fahrgäste und Mitarbeiter vor möglichen alliierten Luftschlägen. Eine interessante Variante dieser Maßnahmen wurde zwischen der Wagenwerkstatt und dem Ringlokschuppen des Bahnbetriebswerks Rheine errichtet. Leicht erdversenkt und in nord-südlicher Richtung (gleisparallel), erhielt dieser Bunker seinen Standort an der ca. 3,5 bis 4,0 Meter hohen Böschung des ehemaligen Rangierbahnhofs. Die Bauausführung erinnert eher an einen Luftschutzkeller als an einen Luftschutzbunker der ersten oder zweiten Bau-Welle (siehe auch hier). Errichtet wurde das Weltkriegsrelikt in offener Bauweise, ähnlich wie beim zivilen Wohnungsbau. Zunächst wurde eine ca. 18 x 6 Meter große und 1,0 Meter tiefe Baugrube ausgehoben. Anschließend erfolgte die Gebäudegründung in Form einer stahlarmierten Betonsohle. Als Baumaterial für die 38 Zentimeter starken Außenwände, Trennwände und Aussteifungspfeiler wurden Hartbrandklinker im Reichsformat (6x12x25 cm) verwendet. Um die Ziegel kraftschlüssig miteinander zu verbinden, erhielt das Mauerwerk den zu jener Zeit typischen Kreuzverband, eingebettet in Kalkzementmörtel der heutigen Gruppe 2a (5 N/mm²).

Im weiteren Bauverlauf wendete man sich nun den Betonbauarbeiten der Abschlussdecke zu. Als stabilisierende Maßnahme wurde ein 30 x 40 cm starker und 15,60 m langer Unterzug eingeschalt und betoniert. Mittels Anschlusseisen wurde dieser in die ca. 40 cm starke Stahlbetondecke integriert und zusätzlich alle 2,20 m auf Mauerwerkspfeilern widergelagert. Nach Abschluss der Rohbauarbeiten erhielt das äußere und innere Mauerwerk des Luftschutzbauwerks eine ca. 1,5 cm dicke Putzschicht. Im Außenbereich diente diese Schicht zusammen mit einem bitumenhaltigem Sperranstrich der Wasserundurchlässigkeit. Ein weiterer, nicht unwesentlicher Effekt war die Gasdichtigkeit des Mauerwerks. Im Inneren erreichte man durch den sehr kalkhaltigen Putzmörtel ein stark verbessertes Raumklima. Im letzten Schritt der Bautätigkeiten wurde das gesamte Bauwerk übererdet und in den Bahndamm eingebettet. Die hier zum Einsatz gebrachte Bauausführung galt jedoch nicht als volltreffersicher, sie konnte lediglich chemischen Kampfstoffen, Splittereinwirkungen, Bordwaffenbeschuss und Brandbomben widerstehen. 

      
Raum (3) mit Blick auf den linken Notausstieg (von innen und außen)


Wie bei den meisten Luftschutzkeller auch, besitzt das Bauwerk nur einen Haupt-Ein- bzw. Ausgang sowie zwei Notausstiege in Form von kleinen Schächten. Wie im Schutzraumbau zu jener Zeit vorgeschrieben, befand sich direkt hinter der ersten Druckschutztür die Gasschleuse (siehe Grundriss (1)) des Bunkerbauwerks. Dieser vorgelagerte Raum hatte im wesentlichen die Aufgabe, die im Bunker befindlichen Insassen gegen Kampfgase, Splittereinwirkung und Detonationsdruck einer explodierenden Bombe zu schützen. Entsprechend diesem Zweck wurde die 3,4 x 1,0 Meter lange Gasschleuse längsseits des Bunkers konstruiert und die beiden gasdicht verschließbaren Luftschutztüren versetzt zueinander angeordnet. Erwähnenswert ist hier die sehr schön erhalten gebliebene Wandbeschriftung „Rauchen verboten“, sie zeigte dem Schutzsuchenden eine wichtige Verhaltensregel der Luftschutzordnung auf. Hinter dem zweiten Türdurchgang der Gasschleuse befindet sich ein weiterer, 2,5 x 2,0 Meter großer Vorraum (2), der je rechts und links in die Hauptschutzräume führt. Die ehemals aus Holz bestehenden Türen der Schutzräume, sowie die stählernen LS-Türen der Eingangsschleuse, wurden leider nach dem Krieg entfernt. Lediglich zwei im Original erhaltene Holzzargen und ein aus Aluminium bestehendes Rückschlagventil überdauerten hier die Nachkriegszeit.

Die beiden Hauptluftschutzräume (3) der Anlage wurden gespiegelt voneinander erbaut und weisen eine rechteckige Grundfläche von 6,0 x 4,0 Meter auf. Demnach standen den Reichsbahnarbeitern in diesem Luftschutzbauwerk 48 m² zur Verfügung. An die Hauptbunkerräume schließt sich je ein Abort (4) in der Größe von 1,2 x 1,1 Metern an. Diese Toilettenanlagen wurden hinter dem Vorraum platziert. Für den Fall, dass nach einem Luftangriff der Haupt Ein- bzw. Ausgang unbrauchbar wurde, erhielt das Luftschutzobjekt zwei Notausgänge (5) welche in einem 70 x 70 Zentimeter breiten Schacht an die Tagesoberfläche führten. Zur weiteren Ausstattung der Schutzräume gehörten ehemals zahlreiche Sitzbänke, eine 220V Elektroinstallation, zwei Öfen, so wie zwei Schutzraumlüfter der Firma Dräger aus Lübeck. Über dieses Lüftungssystem konnte der Schutzbunker bei Luftgefahr mit Überdruck gefahren werden. Das heißt, durch die Schutzraumlüfter wurde die Umgebungsluft über spezielle Filter in das Innere der Anlage gesaugt und so ein leichter Überdruck erzeugt. Damit war sichergestellt, dass keine chemischen Kampfstoffe in den Bunker vordringen konnten. 

    
Rechts: Raum (3) mit Blick in Richtung Abort (4) und Vorraum (2). Links die Wandbeschriftung „Rauchen verboten“.

      
Links: Der rechte Luftschutzraum der Anlage. Rechts ein Teil der Belüftungstechnik.

Abschließende Worte

Heute, mehr als 65 Jahre nach Kriegsende, befinden sich kaum noch originale Einbauteile in dem Luftschutzmahnmal. Neben Resten der Elektroinstallation und der Belüftungstechnik findet man nur noch wenige Fragmente der inneren Einrichtung. Wie zu Anfang schon beschrieben, liegt das Luftschutzobjekt leicht erdversenkt im Hang des Bahndamms. Grund-und Regenwasser sorgten im Laufe der Zeit für eine ca. 70 cm hohe Überschwemmung der Schutzräume. Der relativ hohe Wasserstand hat aber auch Vorteile. Vandalen und sonstige Vollschwachmaten verlieren angesichts des ca. 8°C warmen H²O ganz schnell das Interesse am Konstrukt. Für die Bausubstanz des Bunkers ist die enorme Feuchtigkeit jedoch nachteilig. Die Armierungseisen des Unterzugs sowie der Betondecke weisen bereits heute Korrosionsschäden auf. Eine ernsthafte Bedrohung der Statik ist hier allerdings noch in weiter Ferne. Über weitere Informationen bezüglich des Objekts würden wir uns sehr freuen: nachricht@stollenhausen.de 

Achtung Lebensgefahr!

Wir können aus Sicherheitsgründen nur dringend davon abraten, die hier gesehene Exkursion zu wiederholen. Auf dem ehemaligen Areal des Bahnbetriebswerks Rheine befinden sich unzählige Gefahrenquellen mit sehr hohem Verletzungspotenzial. Auch besteht im Bereich der alten Gebäude akute Einsturzgefahr. Aus gegebenem Anlass wurde das Gelände mittlerweile durch einen Zaun abgesperrt und gesichert. Das Betreten der Liegenschaften ist damit nun verboten!!!

Rechte:

On Tour – Bergmann & Lampe
Bericht & Recherche – © Bergmann
Licht ins Dunkel brachte – Lampe
Fotos – © Bergmann
Vermessungsarbeit – Bergmann & Lampe
Bunkerriss 1:75 – © Bergmann
Online-Arbeit & Layout – Bergmann & Dr. Klöbner
© www.untertage-übertage.de 2007 bis 2011

Weitere Infos:

Link - http://de.wikipedia.org/wiki/Bahnbetriebswerk_Rheine