Krupp-Lager Ratingen


Thyssen-Krupp, Deutschlands größtes Unternehmen für Stahlerzeugnisse und Rüstungsgüter wurde im Jahre 1811 als Friedrich Krupp AG in Essen gegründet. Gut einhundert Jahre später war das Schwerindustrie-Unternehmen auf eine Größe von rund fünf Quadratkilometern angewachsen und somit die größte Gussstahlfabrik in Essen. Haupteinnahmequelle der Friedrich Krupp AG war die Rüstungsindustrie, was dem Essener Werk zur Zeit des Nationalsozialismus den Beinamen "Waffenschmiede des Deutschen Reiches" einbrachte. Infolge der Zweiten Weltkriegs wurden im Jahre 1944 immer
mehr Facharbeiter zum Kriegsdienst eingezogen. Um den Arbeitermangel in der Essener Rüstungsindustrie zu kompensieren wurden dem Stahlwerk von der SS immer mehr ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene zugeteilt. Da die größtenteils ungelernten Hilfskräfte für Krupp kaum zu gebrauchen waren, wehrte sich dieser dagegen. Aber ohne Erfolg. Auch die von der SS zugeteilten Lebensmittel für die Arbeitskräfte reichten bei Weitem nicht, so dass auch hier Krupp versuchte dem entgegenzuwirken, welches er aber offiziell nicht durfte, zumal er einer der führenden und größten Rüstungsbetriebe im Dritten Reich war.  Während der alliierten Bombenangriffe auf Essen durften auch nur die
Werksangehörigen die zahlreichen Luftschutzbunker auf dem riesigen Werksgelände aufsuchen. Den Zwangsarbeitern war dieses nicht gestattet.
Als auch die eben genannten Arbeitkräfte nicht mehr zur Verfügung standen, war Krupp gezwungen, verstärkt nach Häftlingen aus den Konzentrationslagern zu suchen um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Er forderte 2.000 männliche Häftlinge an, bekam allerdings nur 520 jüdische Frauen zur Zwangsarbeit zugeteilt. Diese kamen von dem Essener KZ-Lager "Humboldtstraße", welches ein Aussenlager von Buchenwald war. Die Zwangsarbeiterinnen wurden im Walzwerk 2 und in der Elektrodenwerkstatt zur Schwerstarbeit eingesetzt. Um alliierte Bombenflotten zu Täuschen und vom eigentlichen Hauptwerk in Essen abzulenken wurde im Jahre 1941 in Velbert, auf ländlichem Gebiet, eine
Attrappe der Gussstahlfabrik geschaffen. Dieses war die sogenannte Kruppsche Nachtscheinanlage. (siehe hier - Link) Die Nachtscheinanlage lenkte in der Anfangsphase tatsächlich einige Angriffe auf sich, ohne dass irgendwelcher Schaden entstand. Doch mit Verbesserung der Orientierungsmöglichkeiten der alliierten Flieger, unter Anderem mit Einführung des Radars, verlor die Kruppsche Nachtscheinanlage in Velbert ab 1943 ihre Wirksamkeit. Der erste (richtige) Angriff auf die Friedrich Krupp AG fand im März 1943 statt. Die alliierten Flieger warfen rund 30.000 Bomben auf das Stahlwerk ab und zerstörten es zu gut einem Drittel komplett. Auch einige Wohnsiedlungen rund um das Werksgelände wurden getroffen, so dass auch viele zivile Opfer zu beklagen waren. Insgesamt wurde das Krupp-Werk in Essen 55 mal bombardiert. Somit war auch das Thema "Untertage-Verlagerungen" und "Ausweichanlagen" für die Firma Krupp interessant geworden. Bis zum Ende des Krieges wurden für Krupp rund 10 U-Verlagerungen und ebenso viele Ausweichwerke und Lager errichtet. In Essen selber wurde die bombensichere unterirdische Produktionsstätte "Panzerbau" errichtet. Weitere Untertage-Verlagerungen befanden sich im ganzen Reich verteilt, wobei die U-Verlagerungen mit dem Decknamen Blindschleiche 1 und 2 sicherlich die bedeutendsten waren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte man die noch weitgehend erhalten gebliebenen Fabrikanlagen nach Demontage durch die Alliierten als Reparationsleistung ins Ausland, wodurch mehr Fabriken demontiert wurden, als durch den Bombenkrieg zerstört worden waren. Die Militärregierung hatte die Demontagepläne am 30. November 1948 festgeschrieben, so dass Ende 1950 zwei Drittel der Essener Gussstahlfabrik vernichtet worden waren. 73 zu über 60 Prozent zerstörte Gebäude und 22 ehemals der Rüstungsindustrie dienende Gebäude wurden abgerissen. Weitere 127 Gebäude gab man für die Friedensproduktion frei. Darunter befanden sich die Hallen der Lokomotiv- und Waggonbaufabrik, für die eine Arbeitslizenz zur Reparatur von Lokomotiven erteilt wurde.



Das Krupp-Lager in Ratingen entstand gegen Ende 1943 als Führungslager der Organisation Todt. Ursprünglich bestand es aus sieben Baracken und einem Pförtnerhäuschen. Befragt man einige Anwohner, bekommt man öfter mal zu hören, dass das Krupplager bereits in den 30er Jahren im Zusammenhang des Reichsautobahnbaus errichtet wurde. Doch dieses ist falsch. Wie eben schon geschrieben, wurde das Krupp-Lager von der OT als Führungslager geplant und erbaut. Doch es wurde nicht ganz fertig gestellt. Fünf der Baracken wurden aus Hohlblocksteinen erbaut. Die Restlichen bestanden aus Holz. Das Lager hatte eine eigene Wasserversorgung und ein zentrales Heizsystem. Teilweise waren die Baracken auch unterkellert und mit einem unterirdischen Tunnelsystem miteinander verbunden, durch welches auch die Versorgungsleitungen der Heizung führten. Die gemauerten Innenwände der Steinbaracken waren verputzt und weiß angestrichen. Das Gelände, auf dem sich das Krupplager befand, gehörte der Familie Spee vom sich in der Nähe befindlichen Haus Linnep. Der Pachtvertrag mit der Organisation Todt kam unter "politischen Druck" zustande. Als das Ausweich-Lager (fast) fertig errichtet war, zog der NS-Rüstungsbetrieb Krupp als Untermieter der OT dort ein, um ein bombensicheres Artilleriekonstruktionsbüro zu unterhalten. Hier am Rande von Ratingen, in den Wäldern, fühlte man sich sicherer als in dem extrem luftgefährdeten Ort Essen. Die Firma Krupp zog in das OT-Lager ein, wobei die sieben Baracken erneut umgebaut wurden. Eine Schlafbaracke wurde eingerichtet, eine Baracke wurde für die Verwaltung hergerichtet, die Restlichen dienten als Konstruktionsbüros der Firma Krupp. Das gesamte Krupp-Lager hatte eine Größe von 5.600 qm. Zwischen den Baracken wurden zum Luftschutz sechs Rohrdeckungsgräben erbaut. Hierbei handelt(e) es sich um halb-erdversenkte Splitterschutzbauwerke, welche lediglich vor Tieffliegerbeschuss und Trümmern Schutz boten. Alle Baracken verfügten über Wasseranschlüsse, Waschräume und Toiletten. Ebenso gab es elektrische Beleuchtung und Fernsprechanschlüsse. Die Baracken wurden mit Kohleöfen beheizt.



Am 28.7.1945 wurden die Baracken von der Militärverwaltung in Düsseldorf zur Unterbringung eines Minensuchkommandos, bestehend aus 200 deutschen Pionieren und einem englischen Wachkommando, beschlagnahmt. Man nutzte 5 Baracken für die Unterbringung des Kommandos und belegte 2 Baracken mit dem Inventar der Konstruktionsabteilung. Eine Baracke blieb unbenutzt.
Bei Krupp entstanden gleichzeitig Überlegungen, die Baracken durch Unterteilung in Wohnungen für Werksangehörige, als Entlastung der Essener Altenhof-Siedlung oder als Ausweichstelle des Krankenhauses umzubauen. Angedacht war die Schaffung von 31 Einzimmerwohnungen, 39 Zweizimmerwohnungen und 12 Dreizimmerwohnungen. Auch die Reichsbahn und andere Industrieunternehmen zeigten Interesse an den Gebäuden.
Am 25.3.1946 wurde der Firma Krupp von der Militärregierung mitgeteilt, dass die zu dieser Zeit nicht benutzten 5 Baracken in Hösel durch das Wohnungsamt für Obdachlose vorgesehen seien und unter keinen Umständen anders belegt werden sollten. Vom 1.7.1946 an wurde das Lager Hösel dann mit ca. 200 Flüchtlingen belegt. Bei Krupp hatte man inzwischen die Umbaupläne fallen gelassen und beschlossen, die Baracken entweder an die Stadt Essen oder an die Fürstenbergische Verwaltung zu verkaufen, um damit aus dem Pachtverhältnis von 1943 freizukommen. Anfang 1947 wurde man mit der Fürstenbergischen Verwaltung einig und nach Genehmigung durch den Controller am 4.9.1947 konnte der Verkauf im Oktober 1947 abgewickelt werden.

untertage-übertage, 2015

Vielen Dank an M. Mosch für die Infos und ein dicken Gruss nach Duisburg an dieser Stelle. Danke auch an meine Begleiter Svenska, Schlufine 1 und 2 für den tollen Tag im Niederbergischen... Glückauf, Eismann