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Altbergbau in Essen – Zeche Heinrich

Hömma, seitdem ich wieder in Wuppertal wohne fahre ich regelmäßig mit der S9 nach Essen. Egal ob ich aufs Konzert oder nur zum Einkaufen in den Pott will – ich schaue immer aus dem Fenster und suche die Gegend systematisch nach neuen untertage-übertage-Objekten ab. Neben einigen Stollenmundlöchern und Luftschutzanlagen fiel mir immer wieder das nicht zu übersehende Fördergerüst in Essen-Holthausen auf. Irgendwann kam dann der Tag, wo ich die S-Bahn am Bahnhof Holthausen verließ und mir das Bergwerksgelände näher anschaute und einige Fotos vom Fördergerüst machte. Eine Hinweistafel vor dem Bergwerk verrieten mir schon einige Grunddaten der Kohlengrube, aber meine Neugier war geweckt, so dass ich jetzt nach weitergehender Recherche euch diesen kleinen Bericht über die Zeche Heinrich präsentieren kann. Hömma, getz geit dat wacker weiter mit die:

Zeche Heinrich in Essen-Überruhr-Holthausen

Die Ruhr...

Nach der Konsolidation einiger kleinen Stollenzechen in Essen-Überruhr entstand im Jahre 1809 die Gewerkschaft Heinrich, dessen Name auf den Gewerken Justus Heinrich Waldthausen zurückzuführen ist. Die kleinen Stollenzechen bestanden allerdings noch bis 1829, wobei sie zwischen den Jahren 1810 und 1829 noch insgesamt 64.000 Tonnen Steinkohle zu Tage gefördert hatten, bevor die Kohlestollen stillgelegt wurden und man später zum Tiefbau überging. Das Grubenfeld erstreckte sich zunächst zwischen den Essener Stadtteilen Burgaltendorf, Byfang und Überruhr. In den ersten Jahren bestand die Zeche Heinrich aus einem weiteren Stollenbergbau, dessen Förderstollen zwischen 1810 und 1827 immer weiter ins Gebirge vorgetrieben wurde. Bedingt durch Probleme mit Anrainern wurde der Übergang zum Tiefbau notwendig. Dieses wurde aber mehrmals durch die Bergbehörde abschlägig beschieden. Daher erfolgte zunächst 1834 die Liquidation der Gewerkschaft. Ein Teil des Grubenfelds wurde mit der benachbarten Zeche Vereinigte Charlotte ausgetauscht und von dort abgebaut.

1837 restituierte sich die Gewerkschaft Heinrich und begann erneut mit dem Steinkohlenabbau im Stollenbetrieb. Wegen Rechtsstreitigkeiten mit benachbarten Bergbaugesellschaften wurden mehrere Anträge auf Aufnahme des Tiefbaus wiederum abgelehnt. Erst 1847 erfolgte die Genehmigung zum Abteufen. Im selben Jahr wurde Schacht Heinrich 1 unterhalb von Überruhr an der Langenberger Straße abgeteuft. Er stieß bei einer Teufe von 15,70 Meter bereits auf das Steinkohlengebirge. Der Schacht Heinrich ging 1852 in Förderung. Da die Zeche direkt an der Ruhr lag und zwischen den Jahren 1844 und 1847 die Bahnstrecke der Prinz-Wilhelm-Eisenbahn im Ruhrtal erbaut wurde, konnte für den Abtransport der Steinkohle der Landweg per Eisenbahn und der Wasserweg per Ruhr genutzt werden. Ab dem Jahre 1858 wurde das Grubenfeld im Essener Norden geteilt. Es wurde von nun ab von zwei verschiedenen Abteilungen geleitet. Das westliche Grubenfeld wurde durch den Schacht Heinrich 1 aufgeschlossen. Das östliche hingegen wurde unter der Benutzung der Fördereinrichtungen der Zeche Vereinigte Charlotte abgebaut. Zwischen den beiden Kohlenzechen Charlotte und Heinrich wurde 1859 ein kleiner Wetterschacht abgeteuft. Dieser erreichte eine Endteufe von 117 Metern.

1861 belief sich die Förderung auf 69.000 Tonnen Kohle bei einer Belegschaft von 360 Beschäftigten. Fünf Jahre später sank die Mitarbeiterzahl auf rund 300 Kumpels, welche allerdings 74.000 Tonnen des schwarzen Goldes ans Tageslicht brachten. Nach der zunächst notdürftigen Kohlen-Förderung der Zeche Charlotte bekam diese im Jahre 1868 einen dauerhaften Pachtvertrag für die östliche Steinkohlenförderung. Nachdem weitere Grubenfelder erworben wurden, begann man auch mit dem Tieferteufen der vorhandenen Schächte um an die Kohlenlagerstätten zu kommen, welche unterhalb der bisherigen Stollensohlen lagen. Der neue zentrale Wetterschacht wurde 1882 abgeteuft und ausgebaut. Der westliche Hauptförderschacht der Anthrazitkohlenzeche, Schacht Heinrich 1, erhielt 1884 ein deutsches Stahlstrebengerüst als neue Fördereinrichtung. Danach steigerte sich die Anthrazitkohlenförderung auf gut 100.000 Tonnen pro Jahr, wobei wieder rund 300 Kumpel auf der Zeche beschäftigt waren. Damit dieser Bericht nicht ganz so trocken rüberkommt, wie ich ihn geschrieben habe, empfehle ich an dieser Stelle allen Lesern, sich ein leckeres Bierchen zu besorgen. Am besten ein Schwelmer Bernstein, falls ihr aus der Bergischen Region kommt, ansonsten tuts auch euer Lieblings-Bier. Hauptsache ihr trinkt beim Lesen, so wie ich beim tippen trinke – Skol...

 RAG Grubenwasser Heinrich Schacht 3

Ab dem Jahre 1890 wurden zwei neue Wetterschächte in Angriff genommen. Der erste Wetterschacht wurde 1892 abgeteuft und ging 1893 in Betrieb. Danach wurde der alte Wetterschacht von 1859 aufgegeben. Im Jahre 1895 betrug die Kohlenförderung gut 101.000 Tonnen im Jahr bei 350 Beschäftigten auf dem Bergwerk. Auf der fünften Sohle der Zeche ereignete 1897 ein starker Wassereinbruch, so dass eine Sümpfung erforderlich wurde. Dann steig die Belegschaft und die Förderung auf 505 Bergmänner und 153.000 Tonnen an. Der zweite neue Wetterschacht wurde 1901 abgeteuft. Die Förderung der Anthrazitkohle blieb relativ stabil und betrug im Jahre 1905 fast 147.000 Tonnen Anthrazit-Kohle bei gleichbleibender Belegschaft. Ebenso die östliche Grubenabteilung von der mittlerweile stillgelegten Zeche Vereinigte Charlotte wurde 1910 mit in den Bergbau der Grube Heinrich zurückgenommen. Der Aufwärtstrend der Zeche Heinrich wurde auch durch den Ersten Weltkrieg nicht unterbrochen. Das Grubenfeld hatte mittlerweile ein Größe von 3,7 km². Eine neue Höchstförderung von 244.000 Tonnen wurde 1913 von der Belegschaft der Zeche Heinrich, bestehend aus 715 Kumpel erreicht.1916 bis 1918 wurde neben Schacht 1 der Schacht Heinrich 2 niedergebracht. Der Schacht Heinrich 2 wurde mit einem gemauerten Förderturm, einem sogenannten Hammerkopfturm versehen.

In diesem wurde auch eine neue Dampffördermaschine mit in die Tagesanlagen integriert. Mittlerweile betrug die jährliche Förderung wieder etwas weniger, rund 210.000 Tonnen Anthrazitkohle im Jahr, wobei auf der Steinkohlenzeche mittlerweile schon 1.000 Mitarbeiter beschäftigt waren. 1925 erfolgte der Erwerb der Berechtsame der stillgelegten Zeche Eiberg im gleichnamigen Stadtteil von Essen. Zusammen mit dem Feld Victoria der Zeche Eiberg hatte die Grube Heinrich nun eine zusätzliche Größe von 7,2 km². Kurz danach, 1929, wurden die stillgelegten Zechen Prinz Wilhelm und Steingatt mit zuerworben. Zur Betriebseigenen Verarbeitung des Grubengoldes wurde zuvor, im Jahre1926 eine Werkseigene Brikettfabrik in Betrieb genommen. Drei Jahre später expandierte der Grubenbetrieb erneut, indem er den Bergwerksbesitz der Adler Bergbau-AG kaufte. Die neu erworbenen Bergwerke wurden zum größten Teil stillgelegt, zumindest die übertägigen Bergwerkseinrichtungen. Die ehemalige Grube Charlotte ging ab 1934 unter dem neuen Namen Zeche Theodor erneut in Förderung. Die Zeche Heinrich in Essen expandierte weiter. Die jährliche Kohlenförderung im Jahre 1940 betrug 517.000 Tonnen bei einer Belegschaft von 1350 Beschäftigten. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs förderte die mittlerweile auf 1.400 Beschäftigte angestiegene Belegschaftszahl gut 500.000 Tonnen Steinkohle pro Jahr.

Fördergerüst über Schacht 3

Nach einer kurzen Betriebspause nach dem Krieg, gegen Ende 1945, wurde der Zechenbetrieb wieder aufgenommen. Zwischen den Jahren 1951 und 1954 wurde südlich der Hauptschachtanlagen 1 und 2 der neue Wetterschacht Holthuser Tal abgeteuft und in Betrieb genommen. Im Jahre 1952 wandelte sich die Gewerkschaft Heinrich in die Heinrich Bergbau-AG um. Ab diesem Jahr war das Grubenfeld rund 15,6 km² groß. Auch die Zeche Alter Hellweg mit Sitz in Unna wurde als Grubenbesitz dazuerworben. Dann endlich, wurde der auf den Fotos zu sehende Förderturm, äh Fördergrüst, mitsamt dem Schacht Heinrich 3, direkt neben den Schächten 1 und 2 abgeteuft. Das war zwischen den Jahren 1957 und 1958. Der Schacht Heinrich 3 diente von nun ab als zentraler Förderschacht der Steinkohlenzeche und übernahm ab 1960 die gesamte Kohlenförderung des Bergwerks. Die anderen beiden Schächte der Zeche blieben zunächst noch in Betrieb. Schacht Heinrich 1 diente weiterhin zur Seilfahrt, Schacht Heinrich 2 blieb zur Wetterfürung der Grube bestehen. Ihren Höhepunkt erreichte die Förderung der Zeche im Jahr 1966 mit 966.000 Tonnen Anthrazitkohle und über 3.000 Beschäftigten. Die tiefste Hauptfördersohle lag bei 428 Metern Teufe. Bedingt durch die Kohlekrise beginnend ab 1964 wurde am 1. April 1968 wie vielerorts im Ruhrgebiet die Stilllegung für die Förderschachtanlagen Heinrich und die Theodorschächte vollzogen.

Im Jahre 1969 folgte das endgültige Aus der Zeche Heinrich. Einige Schächte wurden verfüllt. Nur die beiden Schächte Heinrich 3 und Holthuser Tal blieben offen. Die beiden Schächte sollten von nun ab zur Wasserhaltung des ehemaligen Bergbaus im Essener Süden dienen. In dieser Funktion sind diese auch heute noch in Betrieb. Einzig erhalten geblieben ist das Fördergerüst über dem Schacht 3 der Steinkohlenzeche Heinrich in Essen. Als ein Teil der Route der Industriekultur prägt es noch heute das Stadtbild von Essen-Überruhr. Das Grubenwasser das heute noch aus dem Schacht Heinrich 3 gehoben wird stellt die Trinkwassernotreserve der Stadt Essen dar. Ansonsten wurde das Zechengelände bis auf einen kleinen Teil vollständig überbaut und dient heute als Wohngebiet für Senioren und betuchte Eigenheimbesitzer. Der kleine Teil der Zeche Heinrich, der heute hoch in Betrieb ist, dient wie eben schon erwähnt zur Wasserhaltung. Würden die alten Grubenbaue nicht stets durch den Schacht abgepumpt, hätten die Oberhausener Bürger schon bald ein großes Problem. Die gesamte Innenstadt von Oberhausen würde überflutet werden, da sie unterhalb der Wasserscheide der Verbundbergwerke liegt. 

Zeche Heinrich

Geblieben sind heute nur leider noch ein Fördergerüst und eine Pumpanlage der Ruhrkohle AG, welche über Schacht Heinrich 3 noch die notwendige Wasserhaltung betreibt. An vielen Stellen des Ruhrgebiets sind das Gefüge des Grundwassers und die Wasserverhältnisse an der Oberfläche durch den Bergbau so nachhaltig gestört worden, dass auf ewige Zeiten weiter gepumpt werden muss. Ansonsten würden zwangsläufig ganze Landstriche und Städte unter Wasser stehen. Die unmittelbaren Spuren des Bergbaus haben sich hier, wie an vielen anderen Zechenstandorten auch, zwar verwischt, aber die Pumpstelle im Schacht Heinrich in die Ruhr mit ihrem ockerfarbenden Wasser lässt sich gut einsehen. Also, liebe Montanhistoriker und Interessierte: Wenn ihr das nächste mal in der S9 unterwegs seid, dann steigt mal in Essen-Holthausen aus und besucht das Fördergrüst der ehemaligen Zeche Heinrich in Essen...

Grubenwasser

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