U-Verlagerung "Gurami"


Das war ja wieder klar. Am heißesten Tag unserer letzten Thüringen-Tour mussten wir auch unser Gezähe wohl den steilsten Weg, den es in Thüringen gibt, hinauf schlören. Steigung: ca. 55 %. Wer einmal die Naturkundestation besucht hat, weiß wovon ich spreche. Auf unserer Fahrt von Saalfeld nach Probstzella wurden wir bedingt durch irgendwelche Baustellen genau an der ehemaligen U-Verlagerung "Gurami" vobeigeführt, so dass wir auch dort "mal eben" gucken wollten. Naja, eigentlich sind wir erst mal direkt vorbei gefahren, dann der kleine Parkplatz ist garnicht so leicht zu finden. Und wenden kann man da im Schwarzatal wegen geografischer Schwierigkeiten auch nicht so wirklich gut. Aber beim zweiten Anlauf hat es dann endlich geklappt. Direkt an dem Parkplatz, eigentlich sogar auf dem kleinen Parkplatz, befinden sich schon die ersten Reste der Schiefergrube und der später noch aufgeführte Bremsberg endet genau neben unserem parkenden Auto. Toll, "park and find" – jetzt auch in Thüringen! Pipi machen, Fotos machen und ab geht es den steilen Berg hinauf...




In der Nähe von Blankenburg in Thüringen befindet sich im Schwarzatal das ehemalige Dachschieferbergwerk Böhlscheiben. Die Dachschiefergrube im Thüringer Wald wurde zunächst im Tagebau, dann später ab 1935 unter Tage betrieben. Heute gibt es noch einige Relikte auf dem Bergwerksgelände zu sehen. Vor dem Stollenmundloch A befindet sich das mittlerweile umgebaute Sozialgebäude und ein ehemaliger Bremsberg führt hinunter in Tal der Schwarza. Vor dem Stollenmundloch B befinden sich die Reste der Gesteinsmühle der Schiefergrube. Das Stollenmundloch C ist im Gelände noch zu erahnen, allerdings verfallen, beziehungsweise verschüttet. Insgesamt gab es fünf Stollenmundlöcher, wobei die letzten beiden Stollen sich etwas abseits der Grubengebäude befanden und heute ebenfalls nicht mehr zugänglich sind. Wie eingangs schon beschrieben, befinden sich zusätzlich noch einige Reste der Verladeanlage am Parkplatz am unteren Ende des Bremsberges. In einem Schreiben vom 30.06.1944 an das Reichsministerium für Rüstung und Kriegswirtschaft (RMfRuK) teilte das Bergamt Weimar mit, dass die Schiefergrube Böhlscheiben noch frei für eine mögliche U-Verlagerung mit mindestens 1.800 qm bombensicherer Fertigungsfläche unter Tage ist. Unter der laufenden Objektnummer 176 wurde vom RMfRuK der Deckname "Gurami" für das Bergwerk vergeben. Folgende Informationen wurden dem Schreiben vom zuständigen Bergamt beigefügt:
Die nächste Bahnstation befindet sich in Bad Blankenburg. Die Verkehrsverhältnisse sind nicht so optimal, da das Objekt sehr hoch am Hang liegt und lediglich ein Bremsberg und ein Fußweg zum Bergwerk führen. Die Fördermenge betrug im Jahre 1942 17.000 Tonnen und ein Jahr später 9.800 Tonnen Schiefer wobei die Belegschaft der Grube aus 23 Mann über Tage und sechs Bergleuten unter Tage zusammensetzte. Der Zugang zum Bergwerk Böhlscheiben bestand im Juni 1944 aus drei Stollen. Zwei Förderstollen und ein Stollen, welcher zur Bewetterung und zur Wasserlösung diente. Der Stollenquerschnitt beträgt 2 x 2,5 Meter. Die zwei Förderstollen und die Strecken sind mit einem Gestänge von 90 Zentimetern Spurweite ausgelegt, wobei die Tragfähigkeit rund 750 Kilogramm beträgt. Die Abbauhallen kann man nur mit "riesig" beschreiben. Im Bergwerksinneren ist kein weiterer Ausbau vorhanden. Alle untertägigen Grubengebäude befinden sich im relativ standfesten Gebirge mit einer Überdeckung von 50 – 100 Metern. Die klimatischen Bedingungen unter Tage werden mit "feucht" und "etwas Tropfwasser" beschrieben. Die relative Luftfeuchtigkeit beträgt 60 – 80 %. Der derzeitige Wetterdurchsatz wird mit etwa 5 Kubikmetern Frischluft pro Minute angegeben, wobei die natürliche Bewetterung der Schiefergrube je nach Jahreszeit wechselt.
Die Größe der Grubenräume, welche zur sofortigen Verfügung frei stehen, wird mit rund 2.000 qm angegeben, wobei das standfeste Gebirge eine großzügige Erweiterung der Hallen zulässt. Auch die Energieversorgung wird relativ negativ angegeben. Es ist kein Stromanschluss vorhanden. Die nächste Anschlussmöglichkeit müsste über das Karftwerk in Probstzella erfolgen. Ebenso gibt es kein Gas und auch keine Kompressoren für Druckluft. Trinkwasser aber liefert das Bergwerk selber, und zwar sieben Kubikmeter am Tag. Brauchwasser ist auch nicht vorhanden, kann allerdings mit größerem Aufwand aus dem Fluß Schwarza im Tal entnommen werden. Zum letzten Thema – Arbeitskräfte – wird in dem Schreiben folgender Vorschlag gemacht. Platz für ca. 50 Mann sind im nahe gelegenden Gasthaus Itting, Wasch- und Kochgelegenheit befinden sich ebenfalls im Gasthaus. Zusätzliche Baracken können auf den Abraumhalden aufgestellt werden, allerdings auch hier wenig Platz. Soviel zu den Angaben des Bergamtes zu Weimar zur U-Verlagerung Gurami.




Die ersten Planungen fanden am 1. August 1944 statt. Das Schieferbergwerk Böhlscheiben wurde für die Untertage-Verlagerung der Firma Killoch-Horn zur Kleingetriebefertigung eingeteilt. Im Oktober 1944 begannen die ersten Arbeiten rund um das Bergwerk. Laut dem Bergamt Clausthal-Zellerfeld wurden zunächst 12 Italiener zur Baustelle Gurami verlegt, welche mit dem Wiederaufbau des alten Bremsbergs beschäftigt waren. Auch die fehlenden Gleise auf dem Bremsberg wurden wieder neu verlegt. Dieser war nötig für den gesamten Materialtransport zwischen der Straße in der Talsohle und den Stollenmundlöchern des Bergwerks. Der Bremsberg ist heute noch vorhanden, allerdings wieder sehr verwildert. Teile der Stammbelegschaft der Schiefergrube waren zeitgleich damit beschäftigt, den mittlerweile verbrochenden Stollen C wieder aufzuwältigen. Ebenso der Versatz aus den untertägigen Abbauorten 1-3 wurde bis Ende Dezember 1944 beiseite geschafft. Zusätzlich wurde noch ein weiterer Zugangsstollen in einem nahe gelegenden Tagebau geschaffen. Dieses Stollenmundloch diente vornehmlich zur Bewetterung der Grube, war aber auch als weiterer Zugang in die U-Verlagerung gedacht, wenn irgendwann einmal die Baracken in dem Steinbruch stehen würden. Doch die Baracken wurden nie gebaut und das Stollenmundloch ist heute wieder in Vergessenheit geraten und leider auch wieder zugefallen.
Die ursprüngliche Planung, die Firma Killach-Horn in der Schiefergrube produzieren zu lassen wurde am 22 Dezember 1944 wieder geändert. Jetzt war die U-Verlagerung Gurami für die Firma Transavia aus Lauenburg sicher gestellt, welche bei Fertigstellung der Umbaumaßnahmen auf 3.200 Quadratmetern unter Tage Torpedos montieren sollte. Am 3. März 1945 war folgender Bauvorschritt zu verzeichnen: Das Beräumen und das Planieren der Abbauorte ist beendet. Nur im Abbauort 4 wird die Produktionsfläche noch durch Nachschießen um 50 m² erweitert. Der Ausgang 2 im Tagebau wird noch gegen Gesteinsfall abgesichert und die Werksküche wurde in Angriff genommen. Im April 1945 war die unterirdische Rüstungsfabrik mit dem Decknamen "Gurami" immernoch nicht einsatzbereit, obwohl schon ein Großteil der Maschinen und Material angeliefert worden war, so dass man das Vorhaben U-Verlagerung "Gurami" wegen dem zu schleppend voran gehen Umbau wieder aufgab. Nachdem der Krieg vorbei war, die Amerikaner wieder abgezogen waren, ging ab Sommer 1945 wieder der Schieferabbau in der Grube Böhlscheiben in Betrieb. Das Bergwerk förderte noch bis 1969, ehe der Betrieb endgültig eingestellt wurde. Heute hat eine Naturkundestation seinen Sitz auf dem ehemaligen Bergwerksgelände...








Danach fuhren wir weiter durch den schönen Thüringer Wald zur nächsten Untertage-Verlagerung. Durch die Kletterei abgenommen haben für diesen kleinen Bericht Martin, Olly und Sven. Die Fotos und der Text stammen wie immer von Eismann. Bis zum nächsten Stollen und Glückauf...

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