Silber- & Zinnbergbau: Cerro Rico in Bolivien ("Berg des Todes")

 Aussicht auf Potosi - 4100 Meter üNN

Ein beruflicher Auslandsaufenthalt führte uns glücklicherweise im Sommer 2009 auf die Andenhochebene des Altiplano und somit zu einem meiner montanhistorischen Traumzielen in Sachen Bergbau. Zum Berg der Menschen frisst. Nur unter dem Ertragen widrigster Lebensumstände und dem zeitweiligen Verzicht an gewohnten Sauerstoffkonzentrationen ist es mir gelungen diesen Bericht zu Veröffentlichen. Danke an „Papi“ der mich und den Turnschuhbefahrer im Landrover Defender "GUSTAF" (abk.f. Gutes Stabiles Fahrzeug) die 6.500km durch Bolivien gefahren hat. Die geschichtlichen Eckdaten des Cerro Rico hier mal für Euch zusammengefasst:

     

Altbergbau und Turnschuhbefahrer am Stollenmundloch                          alter Eukalyptusholz-Haspelschacht

Die erstmaligen Anfänge der Silberminen am Cerro Rico begannen schon in der Inkageschichte. Interessanter und Industrieller wurde es dann aber am 10. April 1545, als die erste und somit auch höchste Bergbausiedlung gegründet wurde. Diese erreichte bald einen sagenhaftern Hauch von Reichtum in Europa. Schon 1553 wird Potosi deshalb zur Villa Imperial und gleichzeitig zur Reichsstadt. Es war und ist bis heute die Hauptquelle des spanischen Silbers, das wir bis heute in Museen und Kirchen auf der ganzen Welt bestaunen können. Mit dem Bau der Casa Real de la Moneda, der königlichen Münze, wurde 1572 begonnen. Die spanischen Kolonisatoren holten riesige Edelmetallmengen aus der Mine, die sie in die ganze Welt verschifften. Der Reichtum wurde so groß, dass sogar zum Anlass einer Feierlichkeit die gesammte Hauptstrasse von Potosi mit Silberbarren gepflastert wurde. Dieser Reichtum der Mine spülte ungeheure Menschenmassen in die wirklich unwirtliche Hochgebirgssteppe um den Cerro Rico. Gegen 1611 ist Potosí mit 120.000 bis 150.000 Einwohnern zu einer der größten Städte der Welt aufgestiegen, obwohl nur ca. 13.500 Menschen unter Tage Silber fördeten. Denn da in der kargen, kalten, feuchten Umgebung auf etwa 4.000 m über dem Meeresspiegel relativ kaufkräftige große Einwohnerzahl versorgt werden musste, entstand eine völlig andersartige Sozialstruktur:

     

Türstock mit leichten Druckschäden                                                               Untertägige Handhaspel noch in Betrieb!

Der größte Teil der Bevölkerung beschäftigte sich mit dem Heranschaffen und Handeln von Lebensmitteln und anderen Gütern, wie Bau- und Brennholz, Schwarzpulver, Cocablättern, die in der Tiefebene wuchsen und natürlich dem Abtransport des geförderten und vorverarbeiteten Silbers über weite Distanzen bis an die schiffbaren Flüsse wie den Rio Paraguay. 1809 bis 1825 entbrannte ein schrecklicher Unabhängigkeitskrieg. Trotzdem war Potosí jahrhundertelang ein Synonym für den unermesslichen Silberreichtum. Doch dieses Unermessliche sollte auch durch den massiven und relativ chaotischen Abbau im „Schweizer-Käse-Verfahren“ weniger werden. Nach 1800 erschöpfte das Silber allmählich, es erfolgte eine Umorientierung und Zinn wurde das Hauptabbauprodukt. Um die Fördermengen zu optimieren waren zeitweise sogar zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert Bergleute aus Clausthal-Zellerfeld dort tätig. Auf dem weitläufigen Areal des Cerro Ricos befinden sich heute etwa 2.000 ungesicherte Stollenmundlöcher der verschiedensten Abbauepochen. Ausgeraubt und zerklüftet sprechen die Bewohner von Potosi sogar davon, dass der Berg irgendwann in sich selber zusammenstürzen wird und entgültig den Bergbau zum Ruhen bringen wird. Auf einen Hinweis einer Gefährdung durch das unbefugte Betreten verzichte ich auf Grund der widrigen Anfahrtsbedinungen mal. Meine Damen und Herren: Helm auf, Licht an und Glück Auf! Buena Suerte para los Mineros del Cerro Rico.

     

Einfallendes Sonnenlicht am Tagesstollen                                                   Hauptförderstollen mit Gestänge und Druckluftleitungen

Dies führte aber trotzdem zu einem langsamen wirtschaftlichen Untergang. Dennoch schuften die Mineros (die Bergleute) bis heute unter haarsträubenden Sicherheits- und Umweltbedingungen Silber und Zinn in Genossenschaften. Bis Heute erhielt sich auch der Brauch den Tio “Onkel“ bei der Einfahrt in die Grube mit Schnaps und Cokablättern gut zu stimmen und das Böse fern zu halten. Auch wir trinken mit ihm einen kleinen Schluck auf unser Seelenwohl, ein "Stollenwasser" mit 70% Vol.  und beginnen unsere Befahrung. Gut ausgerüstet mit Grubenlampen und Ölzeug, meiner Kamera und einer Bolivianerin ging es zunächst etwa 150 Meter auf dem Hauptförderstollen in den Berg, vorbei an ungesicherten Schächten und offenen Stromkabeln, die im Grubenwasser vor sich hin oxidierten. Eine Wetterführung war nicht zu entdecken und auch die von mir am „Tio“ angezündete Zigarette zeigte keine Wetterbewegung hier Untertage. Im Abbau angekommen treffen wir Carlos, einen Minero, der auch am Sonntag arbeiten musste um seine Familie zu ernähren.

 Im Betrieb stehendes Gleisdreieck

 Erzrutsche aus Eukalyptusholz

Er verlangte als "Unterstützung" von uns einen Beutel Cokablätter und eine Schachtel Zigaretten. Er erklärte uns die Gewinnungsverfahren des Zinns, das mich stark an die Arbeit unserer Hauer im späten Mittelalter erinnerte. Mit Hammer und Bohrmeißel werden bis heute die Sprenglöcher fast überall von Hand gebohrt. Auch ich lasse mir das Angebot von Carlos nicht nehmen, mich darin zu versuchen, gebe aber schon nach 3 Minuten völlig außer Puste, in der sauerstoffarmen Höhenluft, auf. Ich habe etwa 2 Millimeter in den festen Fels bekommen. Wir schenken Carlos noch unsere mitgebrachten Dynamitstangen samt Zünder. Der fehlende Sauerstoff forderte meine Kondition ungemein und so war ich froh, nach etwa 45 Minuten Untertage wieder die gleißende Höhensonne über den Anden zu sehen. Das geförderte Erz wird vor den Stollen klassifiziert und anschließend in die Brechwerke am Fuß des Berges gebracht. Dort kauft man es Kiloweise den Bergarbeitern ab und wäscht es mit Quecksilber aus. Die Umweltverschmutzung ist unglaublich. Die Eintrittsgelder für eine Führung gehen direkt in eine Gemeinschaftskasse für Bergbauopfer.

 Vor Ort mit Carlos (Carlos mit Cokainblättern)

 Streckenkreuz links zum Erzgang der Pailaviri

Über 8 Millionen tote Minenarbeiter in 500 Jahren:

Die indianischen Zwangsarbeiter, die nicht aus dem Hochgebirge stammten, kamen tausendfach in den Minen zu Tode, da sie die widrigen Umstände nicht aushielten. Sie wurden trotz der dünnen Luft des Hochgebirges zu Höchstleistungen unter den übelsten Bedingungen angetrieben. Der Verlust von Menschenleben wurde nicht unbedingt von der Krone und vom Vizekönig, aber von der spanischen Bürokratie, die die jährlichen Fördermengen und Ablieferungen nach Sevilla zu leisten hatte, in Kauf genommen. Wie hoch die menschlichen Verluste wirklich waren, ist ein in Fachkreisen umstrittenes Thema. Nicolás Sánchez Albornoz und Ruggiero Romano weisen daher auf starke Schwankungen bei den Berechnungen des demografischen Rückgangs hin. Im Rahmen dieser Diskussion entwickelte sich die so genannte leyenda negra über viele Millionen toter Minenarbeiter. So veranschlagt Eduardo Galeano die Zahl 8 Mio. Der spanische Versuch, schwarze Sklaven einzuführen, scheiterte an der sauerstoffarmen Höhenluft und den Folgen einer Hypoxie. (Danke an Sandra Berghöfer die mich in Köln auf diese Tour vorbereitet hat)

Die meisten starben, bevor sie unter Tage eingesetzt wurden,  an Lungenödemen und Erstickung. Der Vizekönig von Perú, Graf Lemos schrieb 1699 nach einem Besuch des Bergwerks an den Indienrat: "Nach Spanien wird nicht reines Silber, sondern pures Indianerblut und Indianerschweiß verschifft". 1719 raffte dann eine Typhusepedemie allein in Potosí etwa 22.000 Menschen in knapp 10 Monaten dahin. Wie gefährlich eine Höhenkrankheit ist und wie schnell Sie eintreten kann, zeigten auf unserer Tour geplatzte Adern im Auge, Schwindel, Kopfschmerzen und die Tatsache, dass ein "Flachlandindianer" wie ich ab Höhen von 3.000 Metern mit den ersten Symptomen zu rechnen hat. Zum Gedenken an die unglaublich vielen Opfer des Silberwahns wurde auf dem Gipfel (4.800 m) des Berges ein Denkmal errichtet. In der Nähe des Denkmals befindet sich einige Höhenmeter tiefer eine Bergmannskapelle.

     

Richtstrecke mit Holzausbau                                                                            alter Hauptförderstollen am Fuß des Cerro Rico

Seit 1952 wurde der Bergbau in Potosi verstaatlicht und die Corporación Minera de Bolivia gegründet, die seit dem Amtseintritt von Evo Morales (tut sehr viel für die Unterschicht) auch durch Regierungsgelder unterstützt wird. 1985 übernahmen 45 Cooperativen die Schürfrechte im Cerro Rico. 1989 betrug die Kindersterblichkeitsrate in Potosi bis zum 5. Lebensjahr 135 pro 1.000. (also 13,5%) Die Analphabetenquote betrug 30%, es erhielten nur 48% ihr Trinkwasser aus einer Wasserleitung (da in der kargen Höhe von Potosí Brunnen und Quellen eine rare Seltenheit sind) und nur 38% der Bewohner hatten Elektrizität! An diesen Umständen hat sich bis Heute kaum etwas geändert. Den stark rückläufigen Bergbau bezeugt auch heute noch eine hohe Arbeitslosigkeit in Potosi. Den in Europa so weit verbreiteten Stolz, ein Bergmann zu sein, hatte dort einen bitteren Beigeschmack bekommen. Der Alkoholismus sowie der übermäßige Konsum von Cokainblättern und die große Höhe sind dafür Verantwortlich, dass die durchschnittliche Lebenserwartung eines Bergmannes in dieser Region bei nur  54 Jahren liegt.

 Stollenmundloch einer stillgelegten Grube

Auf Sauerstoffentzug waren : Altbergbau (Philipp), Turnschuhbefahrer (Marcel)
Fotos: Altbergbau

Text: Altbergbau

Geografische Lage: 19° 37′ 8″ S, 65° 44′ 59″ W

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